
Kapitel 3: Der Fall Hollings
Am frühen Sonntagmorgen klingelte Nicolas’ Telefon. Die Nummer auf dem Display kannte er nicht, doch das war nichts mehr, worüber er sich wunderte.
»Ja?«, meldete er sich noch halb verschlafen.
»Mr Stratford?«, kam es vom anderen Ende der Leitung.
»Sie haben mich angerufen, also werden Sie ja wohl wissen, wer ich bin…«
Es war wirklich immer das Gleiche…
»Verzeihen Sie bitte… Ich – ich habe Grund zur Annahme, dass es – oh, wie sage ich das nur? – Ich habe die Vermutung, dass es bei mir spukt…«
Die letzten Worte flüsterte der Mann aufgeregt ins Telefon. Er atmete schwer und Nicolas hörte etwas scheppern, gefolgt von einem leisen Fluch.
»War das der Geist?«, fragte Nicolas und unterdrückte ein Gähnen.
»Nein, das war ich mit meiner Tollpatschigkeit«, gab der Anrufer kleinlaut zu. »Aber die Vorkommnisse hier… Sie lassen sich mit dem normalen menschlichen Verstand nicht erklären.«
»Versuchen Sie wenigstens, es mir zu erklären«, verlangte Nicolas und stand auf.
Während er sich anzog, schaltete er den Lautsprecher ein, sodass er den Mann noch hören konnte.
Allem Anschein nach hatten die Vorfälle in seinem Anwesen gegen Mitternacht vor drei Tagen begonnen. Er dachte zuerst an Marder oder Ratten im Gebälk, doch der Kammerjäger verneinte dies. Dem Kratzen und Tippeln folgten seltsame Geräusche, ähnlich unterdrückten Schreien. Auch hier vermutete der ›Geschädigte‹ eine tierische Quelle, vielleicht paarungsbereite Füchse. Der unbegrenzte Informationsfluss der Neuzeit machte auch diese Überlegungen zunichte, wo Füchse doch bekanntlich zwischen Dezember und März die sogenannte Ranz vollzogen. Nachdem dann Bilder und Spiegel von den Wänden fielen, war es dem Besitzer des Anwesens zu bunt geworden und er suchte in (seiner Auffassung nach) spirituellen Foren nach einer nicht ganz so natürlichen Erklärung.
»Ein Nutzer – oder eine Nutzerin – des Forums hat mir eine private Nachricht zukommen lassen. Darin stand Ihr Name, Mr Stratford, und Ihre Nummer«, beendete der Mann seinen Vortrag.
Wieder dachte Nicolas daran, dass es ein Fehler gewesen war, seine Nummer so frei herauszugeben. Wenigstens ein Zweithandy wäre klug gewesen, dachte er.
»Geben Sie mir doch einfach Ihre Adresse. Ich mache mich in etwa einer Stunde auf den Weg«, gab sich Nicolas geschlagen.
»Oh, vielen Dank, Sir!«, sagte der Mann erleichtert und gab die Adresse durch.
Gegen halb sieben war Nicolas am genannten Ort. Das Anwesen befand sich auf dem Land, in der Nähe von Bobbingworth. Umringt von mehr Feldern als Wäldern war es nicht abwegig, von einem tierischen Ursprung für die Störungen auszugehen. Auf seinem Weg über die Landstraße hatte er selbst beinahe zwei Füchse und einen Marder überfahren.
Nun hielt er seinen Wagen vor einem Anwesen, welches schätzungsweise zweihundert Jahre alt war. Das Gemäuer war aus Sandstein, die Fenster verziert mit verschnörkelten Bögen und Simsen. Vor der dunklen Tür des Haupteingangs wartete ein Mann mittleren Alters, der nervös hin und her tippelte.
»Mr Anders«, begrüßte Nicolas den Mann mit einem leichten Kopfnicken.
»Gut, dass Sie da sind, Mr Stratford!«, sagte der Mann. »Oh, ich hatte Sie mir etwas älter vorgestellt…«, fügte er hinzu und lächelte sanft.
»Sollen wir beginnen?«, fragte Nicolas und ging nicht auf die Bemerkung des Alters ein.
Mr Anders nickte und öffnete die Tür.
Nicolas war daran gewöhnt, dass die meisten Leute auf sein Alter seltsam reagierten. Erst wurden sie in Zwischenfälle mit dem Übernatürlichen verwickelt und dann tauchte auch noch ein Endzwanziger mit blonden, leicht zurück gegelten Haaren auf, der den Schlamassel beheben sollte. Das roch ja beinahe nach irgendeiner Masche, um alten Frauen das Geld aus der Tasche zu locken. Solch ähnliche Gedanken hatte Nicolas selbst schon sehr oft gehabt, als er sich im Spiegel angesehen hatte. An seiner Erscheinung war an sich nichts auszusetzen, so fand er. Er hatte keine sichtbaren Falten, keine großen Narben und er bildete sich ein, dass das sanfte Haselnussbraun seiner Augen ihn zu einem recht hübschen Exemplar der Gattung Mann machte. Doch genau das war es, warum einige Männer recht skeptisch schauten, wenn ihre Frauen ihn engagierten und sie danach um einhundert oder sogar zweihundert Pfund Sterling erleichtert wurden.
Mr Anders schien mit Ausnahme der kleinen Bemerkung keinen Anstoß an seinem Äußeren oder seinem Alter zu nehmen. Er führte Nicolas durch sein Haus, erklärte einiges zu den Wandbehängen und Gemälden und gab Einblicke über die Vorbesitzer des Hauses.
»Ich habe das Anwesen vor etwas mehr als dreißig Jahren erworben«, erzählte er. »Mein Großvater hat mir ein kleines Vermögen hinterlassen, nachdem er verschieden ist. Und mir wurde damals gesagt, ich solle in eine Immobilie investieren. Das habe ich auch getan, wie Sie sehen können.«
»In wessen Besitz war das Haus vorher?«, wollte Nicolas wissen.
»Vor mir gab es nur den Pächter, der hier für Ordnung gesorgt hat. Wirklich gelebt hat er hier nicht. Ab und zu hat er die Kamine entfacht, um den Rauchabzug zu prüfen, oder er hat sich bei Regen in den oberen Zimmern aufgehalten, um eventuelle Dachschäden zu lokalisieren.
Bevor er sich des alten Gemäuers angenommen hat, war es im Besitz der Familie Hollings.«
»Hollings?«, wiederholte Nicolas. »Der Name kommt mir bekannt vor.«
»Das sollte er, Mr Stratford«, kommentierte Mr Anders. »Schreckliche Sache, was damals passiert ist…«
»Helfen Sie mir bitte auf die Sprünge, Mr Anders«, bat Nicolas.
Sie befanden sich nun im oberen Geschoss des Anwesens, das über die Haupttreppe im Flur zu erreichen war. Hier sah Nicolas auf den vielen Kommoden im Flur einige kostbare Wertgegenstände stehen, wie Kerzenständer, Tischuhren, Porzellanfiguren und die ein oder andere Büste; er meinte auch, ein sehr exquisites Fabergé-Ei erblickt zu haben.
»Die Ahnenlinie der Hollings lässt sich angeblich zurückführen bis ins späte fünfzehnte Jahrhundert und der alte Hollings hat sich immer damit gebrüstet, ein Nachfahre königlichen Geblüts zu sein«, antwortete Mr Anders. »Welcher König dies gewesen sein soll, hat er allerdings nie verraten. Alle vermuteten, dass der Urvater der Hollings ein Bastard am Hofe von Heinrich VII gewesen war, der unverhofft zu Reichtum kam und seine Stellung weise verteidigt hat. Den Reichtum der Familie können wir hier teilweise noch sehen.«
Damit zeigte er auf die prächtigen Büsten und einige Ölgemälde längst verstorbener Edelmänner und -frauen.
»Es war etwa drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, da ging es schlagartig bergab mit dem bisherigen Glück der Hollings«, fuhr Mr Anders fort. »Es wurde gemunkelt, dass die Hollings vorher einige jüdische Flüchtlinge aus Deutschland aufgenommen hatten. Ob dies stimmt, weiß bis zum heutigen Tag niemand, doch es gibt ein paar Kostbarkeiten in diesem Haus, die durchaus jüdischen Ursprungs sein könnten.
Einige alte Waschweiber im Dorf behaupten noch heute, dass die jüdischen Flüchtlinge angekommen waren, doch man habe sie nie das Haus verlassen sehen. Auch als der Krieg vorbei war, habe niemand, der nicht den Namen Hollings trug, das Anwesen verlassen. Dann, 1948, begann es: Zuerst wurde der alte Hollings krank, er hustete sich am Ende die halbe Lunge aus dem Körper. Dann traf es seinen ältesten Sohn, der bei einem Jagdausritt vom Pferd fiel. Sein Schädel soll auf einem Stein aufgekommen sein und wie eine überreife Melone geplatzt sein!«
Nicolas verzog leicht das Gesicht. Für seinen Geschmack erzählte Mr Anders die Geschichte mit zu viel Enthusiasmus. Wahrscheinlich war es der allgemeinen Stimmung geschuldet, denn schließlich spukte es gerade in seinem alten Herrenhaus.
»Die älteste Tochter des ältesten Sohnes soll kein Jahr danach auf ihre eigenen Geschwister losgegangen sein; abgesehen von einem jüngeren Bruder hat sie alle anderen entleibt mit einem Küchenmesser. Ihr Bruder, damals zehn Jahre alt, ist ihr wahrscheinlich nur nicht zum Opfer gefallen, weil er sie mit der Pistole des Vaters erschossen hat. Aber das hat ihn auch nicht gerettet: Er hat sich danach selbst gerichtet, weil er es nicht verkraften konnte, seine eigene Schwester umgebracht zu haben. Stellen Sie sich das mal vor – Selbstmord mit zehn Jahren!«
Keine leichte Sache, sich das vorzustellen.
»Die Mutter der Kinder hat sich keinen Tag später erhängt, denn sie hatte alles verloren…« Mr Anders schüttelte verständnislos den Kopf. »Um das ganze noch schlimmer zu machen, ist die komplette Familie des zweiten Sohnes bei einem Sturm auf See ertrunken. Das war 1950.
Eine Familie, die so lange ihre Linie geformt hat, stirbt innerhalb von zwei Jahren komplett aus. Und das, nachdem sich die Gerüchte um die jüdischen Flüchtlinge nur so angehäuft haben.«
»Gab es diese jüdischen Flüchtlinge überhaupt?«, fragte Nicolas.
»Eine Frage, die bis heute nicht geklärt ist, Mr Stratford«, ergänze Mr Anders. »Ob Sie es glauben oder nicht: Ich hatte daran gedacht – kurz bevor das Ganze hier anfing – den Keller und den Garten mal gründlich durchsuchen zu lassen. Heutzutage gibt es so viel technischen Schnickschnack, mit dem man durch Wände und den Boden sehen kann – nach Knochen und vergrabenen Schätzen suchen kann. Wer weiß, vielleicht hat man die jüdischen Flüchtlinge das Haus nie verlassen sehen, weil sie das Haus niemals verlassen haben.«
Den letzten Teil flüsterte Mr Anders, wie er es schon am Telefon gemacht hatte. Nicolas wusste, dass der alte Hausbesitzer nun seiner Abenteuerlust verfallen war. Doch eines musste ihm Nicolas lassen: Dass seine Bedenken bezüglich der Leichen im Keller – oder im Garten – und dem Aufflammen des Spuks einhergehen könnten, war durchaus möglich. Vielleicht war es auch etwas anderes gewesen, das Mr Anders getan oder gesagt hatte, was den Geist in diesem Haus aufgeschreckt hatte. So viel stand für Nicolas fest, jetzt, da er sich dieses Haus Raum für Raum näher angesehen hatte: Mindestens ein Geist war hier.
Nicolas bewaffnete sich mit einem Bergkristall, einer Handvoll Turmalinen (denn im Eifer des Gefechts konnte es passieren, dass ihm einer aus der Hand glitt) und seiner Sonnenbrille. Da die Räume im alten Hollings-Anwesen vollgestellt waren mit allerlei Wertgegenständen, war es hier nicht leicht, ein sich bewegendes Objekt wahrzunehmen. Mit der Brille war es ihm aber leichter, den schwachen Schimmer zu erkennen, den die Objekte aufwiesen, wenn ein Geist sich in ihnen eingenistet hatte.
Er sprach ein altes, schamanisches Gebet und drehte dabei den Bergkristall in seiner linken Hand. Den Bergkristallen sagte man seit jeher nach, dass sie negative, dunkle Energien abwehrten. Nicolas betrachtete ihn in dieser Hinsicht als sein Schutzschild und mit dem Gebet ließ er seine Kraft in den Bergkristall gleiten, wo sie sich manifestierte. Mit den Turmalinen hatte er auch Steine, die die dunklen Energien vernichten sollten. Schild und Schwert also, da fühlt man sich – neben dieser alten Rüstung, die hier steht – glatt wie ein Ritter, dachte er bei sich und unterdrückte ein Grinsen.
Nicolas dachte daran, dass er früher mit seinen Geschwistern und seinem Vater oft ›Ritter und Prinzessinnen‹ gespielt hatte. Ein Spiel, bei dem er der Ritter war, seine jüngeren Schwestern die Prinzessinnen, die vor dem Feuer speienden Drachen gerettet werden mussten (vorzugsweise gespielt von seinem älteren Bruder oder seinem Vater). Sie hatten es meist dann gespielt, wenn Mutter später von der Arbeit nach Hause gekommen war. Wenn Mutter pünktlich nach Hause gekommen war, hatte sie Kartenspiele bevorzugt. Im Garten herumrennen und schauspielern war nicht ihre Stärke. Auch heute sagte sie oft noch sehr unverblümt viele Dinge, was Nicolas sich von ihr abgeschaut hatte.
Doch nachdem seine Mutter die ›Schamanen-Bombe‹ hatte platzen lassen, hatten die Spieleabende – mit oder ohne Karten – schlagartig aufgehört. Ihm war auch klar geworden, warum seine Mutter meist später von der Arbeit nach Hause gekommen war. Seine kleinen Schwestern und seinen älteren Bruder hatte er jedoch seit diesem verhängnisvollen Tag nie wieder gesehen. Vater hatte sie eingepackt, wie alle anderen seiner Habseligkeiten auch, und war verschwunden. Da Nicolas laut seiner Mutter die größten schamanischen Fähigkeiten der Nachkömmlinge aufgewiesen hatte, wollte sie wenigstens ihm die Familiengeschichten eröffnen und ihn in die alte Tradition des Schamanismus einführen. Das war der Deal mit Vater gewesen – und dieser hatte zugestimmt. Ob schweren Herzens oder ohne mit der Wimper zu zucken, daran konnte sich Nicolas nicht mehr erinnern. Er war damals fünf Jahre alt gewesen, die Schwestern – Zwillinge – gerade einmal drei und der große Bruder war damals mitten in seinem ersten Jahr auf dem Eton-College.
Wenn Mutter durchsetzungsfähiger gewesen wäre, würde er den Geistern in diesem Anwesen nun nicht alleine gegenübertreten müssen. Zumindest seine kleine Schwester Bridget wäre bei ihm gewesen, denn sie hatte schon immer einen Narren an ihm gefressen. Dass sie sich nie gemeldet hatte, seit sie getrennt wurden, hatte bei ihm tiefe Wunden hinterlassen, die ab und an bluteten. Nun kann ich es nicht mehr ändern, sagte er sich, straffte die Schultern und öffnete die Augen.
Die Sonne kam durch das Fenster in den Raum geflutet und mit ihr die Wärme. Vorsichtig setzte Nicolas einen Fuß vor den anderen und schaute nach rechts und nach links nach eventuellen Objekten, die ihm in den Weg flogen. Er hielt Sicherheitsabstand zur Rüstung, denn die war mit einem großen Speer versehen. Von ihm wollte er nicht aufgespießt werden.
Nicolas sah nach oben, betrachtete sich die Verzierungen des Kronleuchters und die Wandbehänge, dann auch die Gemälde. Es war zu ruhig, viel zu ruhig. Er ging weiter durch den Raum.
Als er an einem deckenhohen Regal vorbei kam, dachte er kurz, dass der Turmalin angeschlagen hätte. Er machte einen Schritt zurück und blieb vor dem Regal stehen. Nein, er hatte es sich nicht eingebildet, der Turmalin leuchtete tatsächlich. Etwas in diesem Regal war also die Herberge eines Geistes oder vor Kurzem erst von ihm berührt worden. Viele Bücher waren in dem Regal nicht zu finden. Es waren eher Skulpturen von den unterschiedlichsten Tieren und Personen. Bären tanzten neben jungen Frauen, Knappen und Rittern auf Pferden, Löwen tummelten sich im Hintergrund. Eine Sache passte jedoch so rein gar nicht zu dem Rest: Auf dem Brett auf Nicolas’ Augenhöhe war eine kleine Puppe an den Rand des Regals gelehnt. Sie war recht schmutzig, als käme sie gerade von draußen herein. Oder als wäre sie –
Nicolas konnte gerade noch ausweichen, als die Puppe auf ihn zu schoss. Sonderlich schmerzhaft wäre es nicht gewesen, denn die Puppe war aus Stoff. Doch was sie bewegte, machte Nicolas größere Sorgen. Er hatte noch rechtzeitig das Aufflimmern gesehen, bevor er sich wegduckte. Die Puppe schoss erneut auf ihn zu und er hielt den Bergkristall vor sich gestreckt. Die Puppe prallte an einer unsichtbaren Barriere ab und der Kristall bebte in Nicolas’ Hand. Sie gab nicht nach, presste sich gegen die Barriere, als hoffte sie, sie so zerstören zu können. Schnell aber merkte die Puppe, dass ihr das nicht gelang. Sie ließ sich auf den Boden fallen und surrte dann, von Geisterhand geführt, unter einen nahe gelegenen Sessel. Nicolas sah nicht, dass sie auf einer anderen Seite wieder unter dem Sessel hervorgekommen war. Das ist also meine Chance, dachte er.
Er griff in seine hintere Hosentasche und zog eine lange, dünne Schnur hervor, an der, in regelmäßigen Abständen, dreizehn kleine Kristalle befestigt waren. Schnell und gekonnt ließ er die Schnur um den Sessel fallen. Nun saß der Geist in der Falle. Dieser spürte seine Ausweglosigkeit und ließ nun – vor Zorn – den Sessel wackeln. Die Füße des Sessels prallten auf dem Holzboden auf und verursachten einen riesigen Lärm. Nicolas zog ein Räucherstäbchen aus seiner Innentasche hervor, entzündete es mit einem Feuerzeug und wedelte damit kurz in der Luft herum. Die Rauchschwaden zogen sich kreisförmig um den Sessel und bildeten nun eine feine, aber sichtbare Rauchsäule. Auch dieses Utensil entfaltete unmittelbar seine Wirkung. Der Geist, der den Sessel nun in Ruhe ließ, schwebte hell schimmernd über diesem und schnupperte genüsslich nach dem Rauch. Die beruhigende Wirkung ließ die groteske Gestalt für einen Moment einen friedlichen Ausdruck in ihrem Gesicht annehmen. Für jeden roch der Rauch anders; wie, war allerdings das Geheimnis des Stäbchens. Es roch jedoch für jeden nach etwas, das ihn oder sie beruhigte – Nicolas war damit keine Ausnahme. Für ihn roch es nach Ölfarbe, nach dem Zitronenkuchen seiner Mutter und nach etwas, das er bisher noch nicht klar benannt hatte.
Nicolas dachte wie auch sonst nicht länger über den unbekannten Geruch nach. Er sprach ein weiteres Gebet, drehte den Turmalin in seiner rechten Hand dreimal, dann warf er ihn in die Rauchsäule. Immer noch mit einem friedlichen Gesicht schnupperte der Geist nach dem Rauch und würdigte den Turmalin keines Blickes. Gut so, dachte Nicolas. Kaum hatte der Turmalin die schimmernde Hülle des Geistes berührt, leuchtete der Stein kurz auf und der Geist verpuffte langsam.
Als der Geist von dieser Ebene der Realität getilgt war, packte Nicolas seine Sachen wieder ein, griff unter den Sessel und zog die kleine Puppe hervor. Er untersuchte sie sorgfältig und fand auf ihrem Rücken, unter ihrem Hemd versteckt, eine Inschrift, die für ihn nach hebräisch aussah. Da er allerdings durch die Erzählung von Mr Anders voreingenommen war und zudem auch kein Hebräisch sprach, wollte er dies erst einmal für sich behalten.
»Mr Anders, es scheint so weit alles in Ordnung zu sein«, sagte er dem Hausbesitzer, der am Treppenaufstieg – außerhalb des Raumes – gewartet und stumm zugesehen hatte. »Bitte lassen Sie es mich umgehend wissen, falls es wieder zu solchen Vorkommnissen kommt.«
Mr Anders, der zwar keine Geister sehen konnte, hatte trotz allem die Puppe und den Sessel beobachten können. Er nickte schwach und schien vergessen zu haben, dass man den Mund normalerweise nicht so weit offen stehen ließ.
»Was Ihre Vermutung mit dem Keller und dem Garten angeht…«, fuhr Nicolas fort. »Ich würde das Vorhaben an Ihrer Stelle umsetzen. Suchen Sie allerdings vorerst Rat bei einem Rabbi. Wir wollen schließlich keine weiteren Geister verärgern.«
Mit der Puppe und einhundert Pfund Sterling in bar machte sich Nicolas auf den Weg zurück nach London.
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