Leseprobe: Nautilus

1. Kapitel

»Oh, das ist ein sehr schönes Kleid, Ava!«, staunte Margaret.
Ihre Augen waren geweitet und ihr Mund leicht geöffnet.
»Danke, liebste Margaret. Ich habe mich heute wirklich sehr angestrengt«, sagte Ava und sie spürte die Wärme auf ihren Wangen.
Es stimmte: Sie hatte sich heute wirklich sehr angestrengt. Nicht jeden Abend wurde man auf den Marine-Ball eingeladen, denn der fand schließlich nur einmal im Jahr statt. Ende April, kurz nach dem Ende der lästigen Frühlingsstürme, wenn das Meer ruhiger wurde und die Häfen nicht mehr mit Eis bedeckt waren.
Für diesen Abend hatte Ava ihr neuestes Kleid angezogen. Samtweich, lang, mit kurzen Ärmeln und kleinen, funkelnden Steinchen auf dem Dekolleté. Sie hatte das Kleid vorige Woche im Schaufenster gesehen und ihrem Vater gesagt, dass sie es unbedingt haben musste. Es gab wenig, was ihr Vater ihr abschlagen konnte. Dieses Kleid gehörte nicht zu diesen wenigen Dingen. Selbst die passenden, Ellbogenlangen Handschuhe, den passenden Schmuck – Ohrringe und eine Kette, die blaugrün schimmerten – und exquisite, hochhackige Schuhe mit kleinen Schleifen an der Knöchelschlaufe hatte er spendiert. Ava wusste, dass sie so nicht denken durfte, doch ihr Vater konnte es sich ja leisten.
Als Duke von Forthamshire, einem Landsitz in der östlichen Region Korey in Grinland, konnte er sich so einiges leisten. Am liebsten leistete sich ›Duke Fortham‹ – wie er vom Volk genannt wurde – schöne und schnelle Pferde, die er züchtete und mit denen er an Pferderennen, Springturnieren und Dressurwettbewerben teilnahm. Sogar höchstpersönlich! Erst letzten Monat hatte er auf seinem rabenschwarzen Hengst ›Kilinaro Silver der Dritte‹ eine fabelhafte Dressage hingelegt. Nur die fuchsfarbene Stute von Lord Brasinger aus Dillingshire war um drei Zehntel besser gewesen. Der Duke nahm es gelassen, gab es doch so viele andere Turniere, an denen er die Vorzüge seiner prächtigen Tiere zeigen konnte.
Heute Abend – auf dem Marine-Ball – war es keines seiner Pferde, das er vorzeigen wollte. Ava hoffte, dass er diesen Vergleich in der Gentlemen-Runde nicht ziehen würde. Es würde ihr ganz und gar nicht gefallen, mit einem Pferd verglichen zu werden. Doch Pferde waren nun einmal ihres Vaters Leidenschaft, und nicht wenige Vergleiche, die er anstellte, handelten von Pferden.
Heute Abend, so hoffte Ava, würde sie drei Zehntel vor den anderen unverheirateten Damen auf dem Ball liegen, um siegreich nach Hause gehen zu können. Siegreich würde bedeuten, dass sie es endlich schaffte, einen der jungen – ihretwegen auch nicht mehr so jungen – Gentlemen für sich zu gewinnen, mit der Absicht, den Gewinn durch einen angesteckten Ring auf Lebenszeit zu besiegeln. Zweiundzwanzig Jahre waren doch langsam recht alt für eine Dame, unverheiratet zu sein. Avas Mutter sah es genauso, weshalb sie nicht weniger als zwei Stunden bei ihrer Tochter verbracht hatte, ihr beim Ankleiden und Hochstecken der Haare zu helfen. Aktuell standen der Duke und die Duchess von Forthamshire bei einem Admiral und seiner Gattin, höchstwahrscheinlich vertieft in ein Gespräch über Pferde, wie Ava dem Funkeln in ihres Vaters Augen entnahm.
»Margaret, denkst du, dass es heute Abend passieren wird?«, fragte Ava leise; sie bewegte kaum die Lippen.
Neugierig sah sich Margaret um. Sie war zehn Jahre älter als Ava, ihr blondes, lockiges Haar war kunstvoll hochgesteckt und ihr hellgrünes Kleid ähnlich wie das ihrer jüngeren Freundin geschnitten. Margaret hatte vor einigen Jahren am Marine-Ball ihren großen Fang gemacht: Ein Vizekapitän, der seine erste Frau mitsamt dem Neugeborenen im Kindbett verloren hatte, fand in ihr seine zweite Chance auf ein erfülltes Leben. Margaret selbst hätte euphorischer sein können, wäre nicht auch sie aufgrund ihres Alters in gesellschaftliche Bedrängnis geraten. Ihr Gatte, Eugene Willis de Minglais, war nett und genügsam, und das reichte Margaret aus.
»Und die Tatsache, dass er alle zwei Monate für drei Wochen auf See ist«, hatte sie Ava nicht unlängst erzählt.
Genau deshalb hatte Margaret es ihrer jungen Freundin auch geraten, auf dem Marine-Ball nach einem Seemann Ausschau zu halten. Vorzugsweise ein Offizier, um der Tochter des Dukes genügend bieten zu können. Auch so wollte Ava nicht denken, doch das Leben mit reichlich Ressourcen hatte doch seine Vorteile.
»Weißt du, wenn ich es mir recht überlege, dann gibt es hier so einige Herren, die infrage kommen«, seufzte Margaret. Die Fülle an Ehegatten-Material überforderte sie.
»Kennst du sie denn alle?«
Margaret machte eine abschätzende Geste mit der Hand. »Den ein oder anderen, jedoch nicht so gut, wie ich es sollte, wenn ich dir helfen soll.«
Beschämt sah sie kurz zu Boden.
»Schräg hinter dir, auf zehn Uhr, steht ein Gentleman, der in etwa Eugenes Alter hat. Ich muss jedoch sagen, dass er für dich zu alt ist, obwohl der Titel des Vizeadmirals alleine schon anziehend ist«, wisperte sie.
Mit zweiundzwanzig Jahren einen knapp fünfzigjährigen Mann zu heiraten, behagte Ava nicht sehr. Sie schüttelte kaum merklich den Kopf.
»Dann hätten wir da noch Jasper Hall – neureich«, flüsterte Margaret und zeigte mit einem eindeutigen Blick zu zwei Uhr. »Man sagt, er stünde in der Gunst von Admiral Drighton.«
»Hall… Jasper Hall…«, murmelte Ava. »Sagt man über ihn nicht, dass er mit Rebecca Layster und Gwineth Roots ausgegangen ist? Gleichzeitig?«
Margaret sah sie an. »Ach, er war das?«
Ava zuckte leicht mit den Schultern. »Ich meine, dass er es war. Aber ganz sicher bin ich mir nicht.«
»Hm… Also ist er zu unsicher.«
Sie suchte weiter. Plötzlich weiteten sich ihre Augen und ihre Lippen formten sich zu einem stummen, lang gezogenen ›Oh‹.
»Ava, das ist… Oh, aber er ist… Hm… Ich kenne ihn zu wenig, weiß aber, dass er unglaublich begehrt ist.«
Ava wurde hellhörig, doch die Worte ihrer Freundin ließen sie zweifeln.
Wenn er begehrt ist, wird es nicht einfach sein, ihn von mir zu überzeugen, dachte sie. Es gibt so viele junge Damen aus gutem Hause in der Umgebung; warum sollte er mich wählen? Nur weil ich die Tochter des Dukes bin?
»Wen meinst du denn?«, fragte sie und hielt die Spannung kaum noch aus.
Sie drehte langsam ihren Kopf, um zu sehen, wen ihre Freundin meinte.
»Eugene steht bei ihm!«, piepste Margaret leise. »Das ist unsere Chance, Ava!«
Kaum hatte sie dies ausgesprochen, hakte sie sich bei Ava unter und zog sie mit sich.

Dylan sah auf die Uhr und zählte die Sekunden, die er auf dem Ball noch ausharren musste. Nicht, dass er etwas anderes an diesem Abend vorgehabt hätte, doch die stierenden Augen der jungen Damen waren ihm unangenehm. Er nippte an seinem Glas und hörte den Männern um ihn herum nur mit halbem Ohr zu.
»…mit Margaret total einfach. Sie macht beinahe keine Szene, wenn ich abfahren muss«, sagte Eugene neben ihm.
Eugene war knappe fünfzehn Jahre älter als er selbst, bekleidete allerdings noch immer den Rang eines Vizekapitäns. Dylan störte es nicht, doch er fand es merkwürdig, dass Eugene so gar keine Ambitionen hatte, seinen Rang zu verbessern. Wichtig schien für diesen Mann seine Gattin und seine zwei Kinder zu sein.
Berechtigt nach dem, was mit seiner ersten Frau und ihrem kleinen Sohn passiert ist, dachte Dylan. Beide im Kindbett verstorben, das wünscht man niemandem…
Dylan war davon überzeugt, dass die zweite Mrs de Minglais immer ein wenig froh darüber war, dass ihr Mann das Haus verließ. Jedoch blieb er still, denn er wollte nicht derjenige sein, der Eugene die Augen öffnete.
»Du hörst mir gar nicht zu, oder?«, fragte Eugene, doch nicht an Dylan gerichtet, sondern an den blonden Jungoffizier namens Wallace. »Dabei hast du doch die Frage gestellt, wie das Leben als verheirateter Mann so ist.«
Eugene war nicht verärgert, er lachte sogar leise und musterte Wallace, dem seine Unaufmerksamkeit etwas peinlich war.
»Bitte verzeih, Eugene. Ich war abgelenkt von der Schönheit dort hinten«, schwärmte Wallace und seufzte leise.
Eugene und auch einige andere Männer – Dylan eingeschlossen – drehten sich kurz um.
»Mach mir keinen Kummer«, murmelte Eugene. »Das ist meine Margaret!«
»Nein, nicht doch! Ich weiß doch, wer Margaret ist. Ich meine ihre Freundin neben ihr!«
Eugene atmete erleichtert aus. »Ah, sie passt wohl auch besser in dein Alter, junger Freund. Das ist Lady Ava Forrester, die Tochter von Duke Fortham.«
»Das ist die Tochter des Dukes?«, fragte Philip, Vizekapitän in Dylans Mannschaft.
»Liebreizend…«, murmelte Theodore, der mit Eugene auf dem gleichen Kahn diente. Sein Grinsen hatte etwas Schelmisches.
»Durchaus!«, bestätigte Eugene. »Und ledig.«
»Perfekt«, flüsterte Wallace und nippte an seinem Glas. »Dann ist das doch die Gelegenheit für mich.«
»Für dich und die zwanzig anderen, die ihr sehnsüchtige Blicke zuwerfen«, meldete sich Dylan zu Wort.
»Zwanzig? Wer noch?« Wallace sah sich suchend um.
»Sie machen es nicht ganz so auffällig wie wir, aber sie starren nicht minder.« Er schüttelte den Kopf. »Sie tut mir leid.«
Dylan erntete verständnislose und verwirrte Blicke. Daran war er gewöhnt.
»Sie tut dir leid? Dylan, sie ist beliebt! Sie muss dir ganz und gar nicht leidtun«, murmelte Philip.
Dylan zuckte mit den Schultern, wollte es dabei auch belassen. Seinen Gedankengängen konnten die meisten nicht folgen, zumal er meist eine sehr unkonventionelle Meinung vertrat.
»Nein, das tust du nicht einfach mit einem Schulterzucken ab! Warum tut sie dir leid?«, wollte Eugene wissen.
»Sie ist liebreizend, wie Theo gesagt hat. Ohne jeden Zweifel ist sie ganz objektiv gesehen eine wahre Schönheit«, fing Dylan an. »Ihre Augen sind groß, nicht zu groß, und ihre Form und der etwas dunklere Teint ihrer Haut sprechen dafür, dass einer ihrer Vorfahren aus Tusan stammt. Wahrscheinlich mütterlicherseits, denn die Duchess hat ebenfalls einen dunkleren Teint. Lady Avas Körperform ist ansprechend: Lange Beine, die Oberschenkel muskulös, aber nicht dick. Wenn du nicht erwähnt hättest, dass sie die Tochter von Duke Fortham ist, hätte ich sowieso geschlussfolgert, dass sie reitet. Natürlich macht dies ihr Gesäß etwas runder, aber es passt zu ihrer übrigen Gestalt – und welcher Mann mag keine Frau, die auch die Rundungen einer Frau vorweist?«
Die Gentlemen in der Runde starrten Dylan an, dann schwenkten ihre Blicke zu der besagten Dame, die am anderen Ende des Festsaals stand, und anschließend wieder zurück.
»Sie pflegt ihre Haut und ihre Haare. Im Gegensatz zu den meisten anderen Damen hier färbt sie sie aber nicht. Ihre Haare sind rein und – wenn ich es von hier aus richtig beurteilen kann – es ist ein Schimmer von Purpur in ihnen. Wenn sonst nichts für sie spräche, wäre dieser Hinweis auf Magie genug.«
»Natürlich besitzt sie Magie. Sie ist die Tochter des Dukes«, murmelte Philip.
»Das allein qualifiziert jemanden nicht, Magie zu besitzen«, konterte Eugene. »Aber du, lieber Dylan, hast jetzt nichts aufgezählt, was einem leidtun könnte an der jungen Lady Ava.«
»Ist es denn nicht offensichtlich?« Dylan seufzte. »Was wir sehen, regt in uns den Wunsch, ihr einen Ring an den Finger zu stecken. Und die Götter wissen, sie hätte es verdient. Doch mit Sicherheit hat sie die wenigsten Männer in diesem Raum hier verdient, die sie angaffen und ihre Gedanken nicht zügeln können. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass sie nur eines über die junge Lady Ava Forrester denken.« Er trank einen Schluck, um seine Kehle nicht zu überanspruchen, dann fuhr er fort. »Lady Ava ist jung und unerfahren. Sie giert nach einem Mann, weil sie bereits in einem Alter ist, in dem man als Tochter eines Dukes verheiratet oder wenigstens verlobt sein sollte. Deshalb wird sie wohl nicht allzu wählerisch sein. Sie wird wahrscheinlich nicht einmal abwägen, wer für sie oder ihre Familie am besten geeignet wäre. Nein, sie sieht nämlich gut aus, hat ein beträchtliches Erbe und mit Sicherheit noch ein, zwei lobenswerte Eigenschaften. Ganz zu schweigen von der Magie, die sie augenscheinlich mitbringt. Doch in ihrem hübschen Kopf, hinter den perfekten Augen versteckt sich nichts Nennenswertes.«
»Dylan…«, flüsterte Wallace.
»Keine Ambition außer verheiratet zu sein, keine Freizeitbeschäftigungen außer die Pferde ihres Vaters zu reiten, und kein Intellekt, der über den Pflichtteil einer Adeligen ihres Schlags hinausgeht. Ihre zarten Lippen öffnen sich zum Lachen und zum Kichern, doch es ist ja nicht zu erwarten, dass ein halbwegs intelligenter Satz aus ihrem Mund kommt.«
»Oh, Neptun, hilf…«, murmelte Theodore.
»Sie kann einem wirklich nur leidtun«, sagte Dylan, hob sein Glas an und drehte sich zu Eugene.
Der sich einen Meter von ihm entfernt hatte.
Der Platz gemacht hatte für seine Gattin Margaret.
Die Arm in Arm mit Lady Ava Forrester nun neben ihm stand.
Wie gern ich doch jetzt zu Hause wäre, dachte Dylan.

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