
Kapitel 1:
Die Hinrichtung, über die man noch Jahrzehnte später sprach
Das hier lief ganz anders, als Kyat es sich vorgestellt hatte. Dabei war sein Plan nahezu perfekt gewesen.
Schritt eins: Die Dörfer mit renommierten Kriegsherren oder Fürsten aufsuchen. In der heutigen Zeit war dies nicht schwer, da sich sehr viele Kriegsherren ihren Namen gemacht hatten. So waren auch ihre Dörfer durch Handel und Austausch von diversen Dienstleistungen bekannt. Kyat wollte zuerst die kleineren Dörfer aufsuchen. Nicht weil er dachte, dass deren Kriegsherren seltener dazu neigten, Nein zu sagen, oder sie es unbedingt nötig hätten, Allianzen zu formen – nur um der Allianz Willen. Er musste zwangsläufig langfristig planen. Wenn er zu den größeren Dörfern gelangte, war es gut, bereits einige Verbündete vorweisen zu können.
»Tauche niemals mit leeren Händen auf, wenn du jemanden für dich gewinnen willst«, pflegte sein Meister stets zu sagen. Es war nur eine der vielen Weisheiten, die Meister Muuto an seine Schüler weitergab. Ob das nun materielle Geschenke waren oder die Anfänge einer großen Allianz, machte keinen Unterschied.
Schritt zwei: Die epische Rede halten. Und ja, sie war episch! Der Besuch des Dichters, der vor einigen Monaten den Tempel des Drachen aufgesucht hatte, hatte sich ausgezahlt. Von ihm gewann Kyat Einblicke in die Kunst der Rhetorik, die er im Tempel allerdings nicht so häufig gebrauchen konnte. Neben den Gebeten mit seinen Brüdern gab es nur die Gespräche mit seinem Meister, die einen tieferen Sinn hatten. Die Gespräche unter den Brüdern waren eher … weniger stimulierend und noch weniger bereit für die Lyrik der Neuzeit.
Fürst Degon schien sehr angetan von seiner Rede. Der Fürst, dessen Zeiten auf dem Schlachtfeld schon etwas zurücklagen – erkennbar an der üppigen Kugel, der seine Körpermitte glich – hörte ihm aufmerksam zu, lachte an den richtigen Stellen, war nachdenklich an den wirklich wichtigen Stellen. Bei der Pointe von Kyats epischer Erzählung wurde der Fürst sogar etwas nervös. Dies war kein schlechtes Zeichen – ganz im Gegenteil. Genau darauf hatte es der junge Priester abgesehen.
So weit, so gut! Dann kommen wir nun zu Schritt drei: Der Vorschlag einer Allianz. Auch hier lief in den ersten Momenten alles so, wie Kyat es sich vorgestellt hatte. Er erklärte dem Fürsten die Notwendigkeit einer Allianz, zeigte sogar einige der Alten Schriften vor, die seine Theorien untermauerten, und deutete auf die Konsequenzen hin, wenn sich die noblen Krieger des Landes nicht mit den Priestern zusammenschlossen. Zwar verfügten die Priester im Gegensatz zu den Kriegern über die nötigen Mittel und Kenntnisse, doch mangelte es ihnen an der zahlenmäßigen Überlegenheit, sollten sich ihre schlimmsten Annahmen bewahrheiten. Alles andere konnte mit Zaubersprüchen, Ritualen und Tränken geregelt werden.
Des Fürsten Augen waren vor Entsetzen geweitet, als er Kyats Erzählung weiter lauschte. Er zog die Augenbrauen so hoch, dass sie beinahe mit seinem Haaransatz zu verschmelzen drohten. Jetzt habe ich dich!
Die Stille, die nach Kyats Vorschlag im Herrschersaal eingekehrt war, fand ihr jähes Ende durch das schallende Gelächter von Fürst Degon. Seine Leibgarde und die anwesenden Bediensteten taten es ihm gleich – im Allgemeinen eher ein Zeichen der Folgsamkeit, nicht unbedingt aus Gleichgesinnung … doch in diesem Fall war es Letzteres.
Schritt vier beinhaltete nicht, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, mit dem Gesicht auf einem Schafott zu liegen, welches durch das Blut der Vorherigen, beim Fürsten Degon in Ungnade Gefallenen nicht nur total aufgeweicht war, sondern zudem auch noch fürchterlich roch. Kyat wusste, dass der Fürst recht launisch sein konnte und seine Entscheidungen und Handlungen nicht immer ganz rational waren. Dies hier hielt der junge Priester allerdings für total übertrieben! Eine weitere Weisheit seines Meisters kam ihm in den Sinn:
»An manchen Tagen sollte man sein Gebet in der Kammer sprechen. So trifft man nicht auf Leute, die einen am Ende des Tages enttäuschen.«
Leider habt Ihr mir nie verraten, wie ich diese Tage AM MORGEN bereits erkenne, Meister…
Die Menge stand vor ihm. Die meisten waren Bewohner des Dorfes, einfache Leute, Bauern, aber auch Kaufmänner, eine Handvoll Reisende aus anderen Dörfern und ein paar Dirnen. Gelegentlich traf ihn eine faule Tomate am Kopf, deren Geruch im Vergleich zum alten Blut unter seinem Kinn wie das Parfüm der edelsten Kurtisane auf Erden roch.
Einen Vorteil hatte das Leben als Priester. Man fürchtete weder den Tod noch das, was danach kam. Was auch immer das sein sollte. Ja, auch Priester hatten keine Ahnung, was die Götter für einen nach dem Ableben vorgesehen hatten. Eventuell wurde er wiedergeboren. Wenn er in seinem Leben nicht zu viele Fehler begangen hatte – einer davon war definitiv, den Fürsten Degon aufzusuchen, wie sich nun herausgestellt hatte – konnte er sein nächstes Leben wieder als Mensch verbringen. Dann würde ich aber trotzdem nichts an meinem Plan ändern. Er ist einfach perfekt!
Irgendetwas lief völlig schief, das spürte Kyat. Zu seinem Leidwesen waren seine spirituellen Kräfte nicht so grandios ausgeprägt wie die seines Meisters. Meister Muuto war in der Lage, die Absichten eines Menschen nur durch eine simple Begrüßung zu erahnen. Und der Meister traf mit seiner Einschätzung jedes Mal ins Schwarze. Genau das war es, was Kyat manchmal daran zweifeln ließ, dass Muutos Entscheidung richtig war. Der Meister hatte ihn persönlich dazu auserkoren, diese Mission zu leiten.
»Sieh es als deine Reifeprüfung an«, hatte Muuto zu ihm gesagt und dabei auf die Ernennung zum Hohepriester angespielt.
Muuto war alt und fing bereits an, Dinge zu vergessen. Eine seiner ›Sternstunden‹ war das morgendliche Gebet letzten Samstag gewesen, zu dem Meister Muuto ohne Hose erschienen war. Er hatte schlichtweg vergessen, dass er sie noch nicht angezogen hatte! Das Schlimmste daran war aber nicht sein Altmännerhintern, der unter seinem Gewand deutlich zu erkennen war, sondern dass niemand lachen durfte. Sich auf Kosten des Hohepriesters eines Tempels zu amüsieren, konnte zum Ausschluss aus der Gemeinschaft führen. Beim Gedanken an die senilen Aktivitäten seines Meisters musste Kyat schmunzeln. Jetzt ist es auch egal.
Fürst Degon beobachtete amüsiert und Trauben schmausend das Schauspiel aus fliegendem Gemüse und grölenden Menschen von seinem Kanapee aus, welches durch einen Baldachin vor den mäßig starken Sonnenstrahlen geschützt war. Kyats Blick und der des Fürsten trafen sich, was den Fürsten nur noch mehr zu amüsieren schien. Süffisant lächelnd winkte er dem Todgeweihten zu. Kyat rollte mit den Augen und wandte den Blick ab. Er ließ ihn über die Menge schweifen.
Sie alle waren nur seinetwegen hier. Aber nicht weil sie ihn übermäßig hassten – sie kannten ihn nicht einmal. Eine öffentliche Hinrichtung war immer ein großes Spektakel. Je nachdem, wie unfähig der Scharfrichter war, hatten die Leute noch Jahrzehnte danach etwas zu erzählen. Hoffentlich ende ich nicht wie des Kaisers Vorkoster, der dessen Lieblingskonkubine einmal zu oft beglückt hat. Eine besonders delikate Hinrichtung, bei welcher der Scharfrichter ganze dreizehn Schläge mit der Axt benötigt hatte, um den Kopf des triebgesteuerten Leckermauls von seinem Körper zu trennen. Kyat hoffte, dass die Axt groß und scharf genug war und sein Scharfrichter nicht zu viel Wein intus hatte. Im rechten Augenwinkel sah er, dass eben dieser soeben die Axt noch einmal schärfte. Götter, habt Dank…
Und dann sah er ihn: Den großen Krieger mit den dunklen Augen. Er stand mit den Armen vor der Brust verschränkt am Rand der Menge, nicht unweit von Fürst Degons Kanapee entfernt. Jemand seines Ranges vermochte es, die Lieblingskonkubine des Kaisers zu begatten, ohne dafür gelyncht zu werden – und zwar so oft er wollte. Tatsächlich würde man ihn dafür verehren. Ca’an, seines Zeichens der größte Kriegsherr des Ostens und Anführer des Dorfes Tikan, verbarg stets sein Gesicht. Nur seine dunklen Augen waren zu sehen, die sich voll und ganz auf den Priester konzentrierten. Fürst Degons Zusage zur Allianz wäre das Letzte gewesen, was Kyat für den Zutritt zu Tikan und einer Audienz bei Ca’an benötigt hätte. Dann wäre alles perfekt gewesen. So knapp vor dem Ziel zu scheitern, kratzte an Kyats Selbstwertgefühl.
Der Priester wandte seinen Blick vom maskierten Kriegsherrn ab, seufzte und betrachtete enttäuscht die Vögel am Himmel. Der Scharfrichter stand nun neben ihm und die Menge johlte noch lauter als zuvor. Tomaten flogen schon lange nicht mehr. Je nachdem, wie kompetent der Mann mit der Axt war, würden ihm gleich auch noch ein paar davon zum Geschenk gemacht werden. Ein leises Surren kündigte das Ausholen mit der Axt an. Kyat schloss die Augen. Es tut mir leid, Meister… Ich schätze, es war mir nicht bestimmt, Euer Nachfolger zu werden. Ein letztes Mal schlich sich die Gestalt seines Meisters in seine Gedanken, dieses Mal mit Hose.
»Verschließe nicht die Augen vor dem Unheil. Denn du bist es, der die Menschheit davon befreien soll.«
So wollte er seinen Meister in Erinnerung behalten: Mit sanfter Stimme und einem Lächeln, wenn er seine Weisheiten verkündete.
Kyat vernahm ein Klirren, die Menge verstummte. Nur noch das Flattern einiger aufgeschreckter Vögel war zu hören. Schmerzen spürte der Priester nicht. Erleichtert atmete er aus…
– Moment! Er atmete?
Der Priester riss die Augen auf. Die Menge stand wie versteinert vor ihm und sah ihn an. Aus Fürst Degons Mund kullerte eine Traube. Auch der ruhige Kriegsherr schien seine bisherige Gelassenheit verloren zu haben. Seine dunklen Augen waren immer noch auf den Todgeweihten gerichtet. Bei genauerer Betrachtung sah Ca’an aber nicht den Priester an, der offensichtlich noch lebte. Die Augen der Zuschauer, prominent oder nicht, waren vielmehr auf das gerichtet, was sich etwas oberhalb von Kyats rechter Schulter abzuspielen schien. Langsam, ruhig atmend, das Herz bis zum Hals schlagend, drehte Kyat seinen Kopf nach rechts.
»Du kommst spät«, sagte der nicht mehr ganz so todgeweihte Priester trocken.
»Besser spät als nie«, erwiderte sie lächelnd, ihren Unterarm zwischen seinem Kopf und der Axt ausgestreckt, um den Schlag abzufangen. »Ich schätze, du schuldest mir ein neues Lederteil«, sagte sie mit Blick auf die Axt, die im Unterarmschutz steckte.
»Für den Schaden komme ich gerne auf. Allerdings haben wir da noch ein kleines Problem.« Kyat deutete mit einem Ruck seines Kopfes auf die Wachposten um das Schafott, die sich wieder gefangen hatten und mit Schwertern und Speeren zum Angriff bereit machten.
»Na schön… Dann auf drei. Eins. Zwei. – «
Noch bevor sie zu Ende gezählt hatte, stieß sie den Scharfrichter beiseite, den der Stiel seiner Axt recht unsanft zwischen die Augen traf. Bewusstlos zu Boden sinkend, versperrte er glücklicherweise einem Teil der herannahenden Wachen den Weg, die nun erst über ihn steigen mussten, um auf die Bühne des Schafotts zu gelangen. Mit den Füßen auf eben diesem stehend, ließ die Frau den Blick über die restlichen Wachen schweifen, die von der anderen Seite die Treppen empor hasteten. Schwer pustend unter ihren schweren Rüstungen und mit verdutzten Gesichtern gelang es den Wachen, die beiden Verbündeten zu umzingeln. Die Frau griff zu einem Messer, welches sich in ihrem Stiefel versteckte und durchtrennte Kyats Fesseln. Erleichtert, dass er nun nicht mehr auf dem modernden Holz liegen musste, rappelte der Priester sich auf und machte sich bereit zum Kampf – von dem nicht wirklich etwas übrig war. Seine Retterin hatte bereits ein Drittel der Gegner mit katzengleichen Bewegungen ausgeschaltet. Flink und wendig verpasste sie einem Wachmann mehrere Schläge in nur einem Augenblick. Beim Ausweichen der Schwerthiebe und Speerstöße ähnelten ihre Bewegungen eher einem Tanz, was es für Kyat wie jedes Mal schwer machte, den Blick von ihr zu lösen.
Die wutentbrannten Schreie des Fürsten hinter ihm holten ihn in die Realität zurück und er schnappte sich das Messer, welches seine Fesseln durchtrennt hatte. Anstatt es gegen den Wachmann zu verwenden, der auf ihn losstürmte, steckte er es in seinen Gürtel, wich dem Schwerthieb seines Gegners gekonnt aus und verpasste ihm einen Schlag in die Magengegend. Vor Schmerzen krümmend und halb spuckend krachte der Wachmann auf die Knie, um sich dann, von einem weiteren Schlag begünstigt, endgültig hinzulegen. Von seinem Sieg überrascht, sah Kyat verwundert auf, nur um festzustellen, dass die Frau ungeduldig an den hinteren Stufen der Bühne stand.
»Können wir jetzt gehen?«
»Schon gut, ich komme ja…«
Kyat rollte mit den Augen, sah aber zu, dass er die Beine in die Hand nahm. Eine Allianz mit Fürst Degon würde nicht zustande kommen, das hatte er nun begriffen. Noch länger in Ason zu verweilen und den Launen des Fürsten ausgesetzt zu sein, war nicht gerade nach Kyats Geschmack, also war die einzige Option: Laufen. Die Wachposten, die ihnen gerade noch den Weg versperrt hatten, lagen allesamt am Boden. Doch die Nachhut kam bereits angerannt, getrieben von den Drohungen ihres Fürsten, der sich zu vergessen schien. Nicht auf eine Flucht vom Schafott vorbereitet, standen vereinzelte Wachen hinter der Bühne mit offenen Mündern da. Einige, die beobachtet hatten, wie die Frau sich den Weg durch die Wachposten auf dem Schafott gebahnt hatte, hielten ihre Arme schützend vor den Kopf. Ihre Waffen lagen schon lange am Boden.
Der Rest des Weges zu den Stallungen, die sich am Rand des Dorfes befanden, war ein Kinderspiel. Dort standen bereits zwei gesattelte Ziegen, die so groß waren wie Pferde. Auf Kyats Pfiff hin hoben sie ihre Köpfe und meckerten freudig zur Begrüßung. Kaum saßen die beiden Flüchtigen auf ihren sonderbaren Reittieren, sausten diese los zum Haupttor. Auch hier war man auf eine Flucht des Gefangenen und seiner Begleiterin recht unvorbereitet. Die Wachen waren davon ausgegangen, dass die Menge auf dem Dorfplatz schrie und grölte, weil der Scharfrichter seine Arbeit entweder sehr gut oder eben sehr schlecht gemacht hatte. Als der Hauptmann der Wachposten realisierte, was sich vor seinen Augen zutrug, war es auch schon zu spät. Verwundert sah er den beiden Reitern hinterher, die die Handelsstraße entlang Richtung Waldland galoppierten.
Alles in allem war dies eine ›Hinrichtung‹, über die man noch Jahrzehnte später sprach.
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