Kapitel 1: Ankunft in der Fair Road
Die Sonne war bereits untergegangen, doch die Stadt war keineswegs dunkel. In den Laternen zu beiden Straßenseiten brannten Lichter und selbst die Automobile hatten Scheinwerfer, die den Weg vor ihnen erhellten.
Ich stand am Straßenrand vor dem Bahnhof und fühlte mich völlig fehl am Platz. Die Leute nahmen wenig Notiz von mir und gingen mir automatisch aus dem Weg. Mein Koffer stand neben mir auf der Straße, während ich die Karte von Union City studierte. Aufgrund einer laut Schaffner ›nicht besorgniserregenden‹ Panne im Heizkessel der Lokomotive dauerte die Fahrt sieben Stunden anstatt fünf. Das war natürlich nicht der Grund für meine Planlosigkeit. Mit alleine zwanzig verschiedenen Straßen auf dem aufgeschlagenen Kartenteil war ich heillos überfordert. Ich fand noch nicht einmal den Bahnhof. Wie gerne hätte ich in diesem Moment doch eine Fähigkeit mein Eigen genannt, die mich auf dem kürzesten Weg zu meinem Ziel brachte. George, der meine Truhe liefern würde, besaß solch eine Fähigkeit, weshalb er sich niemals verfuhr.
Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen. Ich kam allerdings nicht um den Fakt herum, dass ich bald – sehr bald – jemanden um Hilfe bitten musste. Es war spät, und eine junge, unverheiratete Frau wie ich sollte um diese Zeit nicht mehr alleine auf der Straße unterwegs sein.
Ich hob den Blick und sah mich um. Männer und Frauen, die meisten Frauen in Begleitung von Männern, gingen an mir vorbei, viele sehr geschäftig und sehr zielstrebig. Nur wenige schlenderten dahin, dafür war es wohl schon zu spät und dies hier auch nicht das richtige Viertel. Im Schein der Laternen las ich die Schilder der naheliegenden Straßen. Dann fiel mir auch ein Schild in den Blick, auf dem ›Fahrservice‹ stand. Unter dem Schild stand ein Automobil, dessen Scheinwerfer leuchteten. Ein Mann saß hinter dem Steuer und rauchte eine dünne Zigarette. Er beobachtete die Menschen, die an ihm vorbei liefen, und wartete wohl auf Kundschaft. Ich zögerte nicht lange, schnappte mir meinen Koffer und ging auf den Mann zu.
»Verzeihung«, sprach ich ihn vorsichtig an.
Der Mann schaute an mir herab und sagte kein Wort.
»Fahren Sie auch zur Fair Road?«, fragte ich.
Der Mann nickte nur.
»Das ist gut«, sagte ich und lächelte unsicher. »Wären Sie so nett und würden mich dorthin bringen?«
»Fünf Mäuse. Gepäck: Rückbank«, brummte er.
Ich nickte, hievte meinen Koffer auf die Rückbank und nahm daneben Platz. Kaum saß ich, da fuhr er auch schon los.
Die Fahrt zur Fair Road dauerte nicht lange. Die Straßen waren hier etwas besser als in Church Hill, jedenfalls nahm ich es in dem Automobil so wahr. Die meiste Zeit der Fahrt sah mich der Fahrer durch den Rückspiegel an.
»Neu hier?«, fragte er kurz angebunden.
»Ja, seit heute erst«, antwortete ich. »Ich muss mich erst zurechtfinden.«
»Hm«, brummte er, dann war wieder Stille. Anscheinend besaß er die Fähigkeit, nicht zu viele Worte zu machen.
Der Name ›Fair Road‹ schien Programm zu sein, soweit ich es in der Dunkelheit beurteilen konnte. Die Straße war von wunderschönen Bäumen gesäumt und die Straßenlaternen waren exquisit gestaltet. Wo das Bahnhofsviertel einen schmutzigen und verwahrlosten Eindruck hinterließ, war die Fair Road sauber bis in die hinterste Ecke. Die Fassaden der Häuser sahen bei Nacht bereits prächtig aus und ich freute mich, sie bei Tageslicht erblicken zu können.
»Hausnummer?«, riss mich der Fahrer aus meinen Gedanken.
»Oh…«, murmelte ich. »Ich kenne die Hausnummer nicht… Ich möchte zu Mrs Stadwell.«
»Kenne ich nicht«, sagte er und hielt an. »Die Straße ist aber nicht lang.«
Das war wohl das Zeichen für mich, auszusteigen. Ich ließ mir nichts anmerken, als er ausstieg und mir die Tür öffnete. Meinen Koffer hinter mir her ziehend, stieg ich aus und reichte ihm das vereinbarte Geld.
»Vielen Dank«, sagte ich höflich, obwohl ich etwas enttäuscht war. Wollte er mich wirklich alleine auf der Straße stehen lassen?
»Viel Glück«, wünschte mir der Mann und stieg wieder in das Automobil. Dann fuhr er los und ich stand erneut verloren da.
Ich sah mich um. In einigen Fenstern brannte Licht. Sollte ich klopfen und nach dem Weg fragen? Die Familien, die dort lebten, würden wohl jetzt beim Abendessen sein. Sollte ich sie dabei stören, wo es doch mein Fehler war, mir die Hausnummer nicht zu merken? Unentschlossen stand ich weiter auf der Straße und seufzte. Ich entschied, dass es mir nichts brachte, weiter hier zu stehen. Also hob ich meinen Koffer an und ging die Straße entlang. Ich hielt meine Augen offen für den kleinsten Hinweis nach Mrs Stadwells Haus. Es war kalt und mein Koffer war schwer. Enttäuscht über mich selbst blieb ich stehen und schüttelte den Kopf. Wie konnte man denn nur so doof sein und sich die Hausnummer nicht merken? George wusste es, schließlich würde er morgen meine Truhe dort abliefern. Wäre ich doch bloß mit George gefahren, dachte ich.
In der Ferne hörte ich Schritte. Ich sah auf und drehte meinen Kopf in die Richtung, aus der die Schritte kamen. Ein einzelner Mann kam mir vom anderen Ende der Fair Road entgegen. In der Dunkelheit konnte ich nur ausmachen, dass er einen recht kurzen Mantel anhatte. Unter seinem Arm klemmten Akten oder so etwas Ähnliches, seine wohl einzigen Begleiter in der Nacht. Seine Schritte waren groß und sein Gang hatte etwas Militärisches an sich. Er rannte nicht, aber es war auch kein Schlendern. Als er näher kam, konnte ich sein Gesicht ausmachen. Sein Blick war nicht streng, doch er schien skeptisch zu sein. Mein Blick fiel auf seinen kurzen Mantel, auf dem ich kleine, metallische Gegenstände im Licht der Laternen funkeln sah. Den militärischen Gang hatte ich wohl richtig gedeutet. Die Abzeichen auf seiner Brust verrieten mir, dass er tatsächlich zu den Vereinigten Streitkräften gehörte, die hier in Union City stationiert waren. Also musste er eine Fähigkeit besitzen, die ihm in den Gefechten von Vorteil war; die meisten hochrangigen Offiziere waren äußerst begabt und schulten ihre Fähigkeiten für den Zweck des Kampfes. Auf dem Kopf des Mannes saß eine zu seinem Mantel passende Schirmmütze, auf der das Abzeichen der Vereinigten Streitkräfte prangte.
Ich konnte nicht sagen, dass ich Angst vor Soldaten hatte. Doch mögen war auch nicht das richtige Wort. Der Mann, der nur noch ein paar Meter von mir entfernt war, schüchterte mich ein. Sein ganzes Erscheinungsbild strahlte Härte und Autorität aus. Wenn er von hier war, konnte ich ihn fragen, ob er mir den Weg zeigen konnte. Ich besann mich aufgrund seines skeptischen Blicks kurzfristig anders und machte einen Knicks, als er an mir vorbeiging, ich sprach ihn allerdings nicht an. Da ging sie hin, die wohl einzige Chance, Mrs Stadwells Haus zu finden…
Die Schritte verstummten.
»Brauchen Sie Hilfe?«
Seine Stimme war alles andere als hart. Es war Wärme in den Worten, die er an mich richtete. Ich sah in seine Augen und fand noch immer Skepsis.
»Ja, in der Tat… Ich suche ein Haus, doch mir ist die Hausnummer entfallen…«, sagte ich und klang zerknirscht. Vor einem Fremden zugeben zu müssen, dass ich unzureichend vorbereitet war, war mehr als peinlich und zeugte nicht von guter Bildung.
»Möchten Sie zu Mrs Stadwell?«, fragte er.
Ich sah ihn mit großen Augen an.
»Das ist richtig«, sagte ich und nickte schnell.
»Es ist das Haus dort hinten.« Er zeigte auf ein Haus, das einzige Haus ohne Vorgarten in der Straße.
»Ich danke Ihnen«, sagte ich und drehte mich wieder zu ihm. Erneut machte ich einen Knicks.
»Gerne«, flüsterte er und ein kleines Lächeln stahl sich auf sein Gesicht.
Er drehte auf dem Absatz um und ging wieder in die Richtung, die er zu Beginn eingeschlagen hatte. Als er einige Meter von mir entfernt war, atmete ich erleichtert aus und ging zu dem Haus, das er mir gezeigt hatte. Ich ging die drei Stufen vor der Treppe hoch und klopfte an die Tür. Keine Minute später wurde die Haustür geöffnet und eine junge Frau, die ungefähr in meinem Alter war, stand mir gegenüber.
»Rosalie?«, fragte sie mich und lächelte. »Wir haben dich schon vor zwei Stunden erwartet!«
»Verzeihung«, sagte ich, doch ich war sichtlich erleichtert, dass ich endlich angekommen war. »Mein Zug… Es gab ein Problem-«
»Ach, das ist alles nicht so wichtig – du bist ja jetzt hier!«, erwiderte die junge Frau und trat beiseite. »Komm schnell rein, es ist doch sehr kalt draußen. Mein Name ist Juliett.«
»Guten Abend, Juliett«, grüßte ich sie und trat in den warmen Flur des Hauses.
»Mrs Stadwell, Rosalie ist hier!«, rief Juliett.
Sogleich hörte ich, wie ein Stuhl verschoben wurde und Schritte Richtung Flur zu vernehmen waren. Aus einem Zimmer am Ende des Flurs kam eine schlanke, fein gekleidete Frau mit einem strengen Haarknoten getreten und sah mich teils überrascht, teils argwöhnisch an.
»Rosalie, also. Du solltest doch um fünf Uhr nachmittags ankommen…«, äußerte Mrs Stadwell mit feiner Stimme.
Sie faltete ihre Hände vor ihrem Körper und sah dabei aus wie eine Lehrerin, die auf die Antwort einer Schülerin wartete.
»Ich bitte um Verzeihung, es war nicht meine Absicht, Ihnen Sorgen oder Unannehmlichkeiten zu bereiten«, sagte ich leise und machte einen Knicks vor ihr.
»Ach, du hast es sicher nicht absichtlich getan«, antwortete Mrs Stadwell und sah mich eindringlich an.
»Nein… Mein Zug hatte leider enorme Verspätung«, murmelte ich.
Als wäre es ihr bereits hundert Mal passiert, nickte Mrs Stadwell wissend und lächelte dann zufrieden.
»Nun, jetzt bist du hier. Unversehrt, wie ich sehe«, sagte sie und sah an mir herab.
Mein langer Mantel war nur dazu gut, mich nicht frieren zu lassen. Er war nicht ansatzweise so fein, wie Mrs Stadwells Kleid, dessen Kragen ihr beinahe bis zum Kinn reichte. Auch unter dem Mantel war bei mir nicht viel Vorzeigbares zu finden, doch in dem beheizten Haus gab es keinen Grund, ihn weiter anzulassen. Ich schämte mich ein wenig, denn das Kleid, das ich anhatte, war ausgeblichen und an einigen Stellen geflickt. Meine Haare waren durch den Wind aus ihrer Form geraten und ein paar Strähnen hingen mir im Gesicht. Ich strich sie eilig hinter ein Ohr und sah peinlich berührt zu Boden.
»Komm, mein Kind. Jetzt iss erst einmal mit uns und lerne die Mädchen kennen.« Mrs Stadwell führte mich in die Küche, wo zwei weitere junge Frauen am Tisch saßen und mich neugierig anschauten. »Juliett kennst du bereits«, sagte Mrs Stadwell und zeigte mit einer feinen Handbewegung auf die junge Frau, die sich schnell zu den anderen setzte. »Sie ist zwanzig Jahre alt und arbeitet derzeit bei Mr Gerard, einem Bäcker in der Salt Street.«
Juliett lächelte mir zu. Ihre Grübchen machten sie noch jünger, als sie ohnehin war, und ihre blauen Augen strahlten mir zwischen roten Locken entgegen.
»Neben Juliett sitzt Harper«, fuhr Mrs Stadwell fort und zeigte nun auf eine groß gewachsene, junge Frau mit rabenschwarzem, langen Haar, das sie zu einem wundervollen Zopf geflochten hatte. »Harper ist seit drei Jahren bei mir und arbeitet seither bei Miss Del Bonta in der Wäscherei.«
Harper nickte mir zu, doch sie schien nicht ganz so aufgeregt über meine Ankunft zu sein wie Juliett. Sie war wohl eher reserviert und sah an mir herab, ohne eine Miene zu verziehen. Trotzdem errötete ich und schämte mich umso mehr für meine Kleidung.
»Und schließlich haben wir hier Phoebe, die mit zweiundzwanzig Jahren kurz vor ihrer Verlobung steht.«
Mrs Stadwell schien sehr entzückt bei Erwähnung dieses Details und lächelte. Phoebe lächelte ebenfalls und sah dann verlegen auf ihre Hände, die in ihrem Schoß gefaltet waren.
»Noch ist es nicht offiziell…«, murmelte sie, aber in ihrer leisen Stimme schwang sehr viel Hoffnung mit. Phoebe strich sich eine Strähne ihres langen, braunen Haares hinter das Ohr und ihre grünen Augen funkelten.
»Es wird bald passieren, da bin ich mir sicher. Mit zweiundzwanzig bist du zwei Jahre älter als der Durchschnitt der meisten Frauen bei ihrer ersten Ehe.« Nicht nur Phoebes Augen wurden größer bei Mrs Stadwells Aussage; ich fühlte mich plötzlich unter Druck gesetzt, denn meine Hand würde lange Zeit keinen Ring sehen – da war ich mir sicher. »Stellst du dich bitte selbst vor?«, richtete sie dann das Wort an mich und sah mich erwartungsvoll an.
»Natürlich«, sagte ich und räusperte mich kurz. »Mein Name ist Rosalie Drake. Ich bin zweiundzwanzig Jahre alt und freue mich, hier zu sein.«
Mrs Stadwell sah mich weiterhin an, was mir verriet, dass ich anscheinend nicht ausreichend geantwortet hatte.
»Ich … komme aus einem kleinen Dorf namens Church Hill. Ich lebte dort bei meiner Großmutter, die mich alles gelehrt hat, was sie weiß. Ich hoffe, dass ich hier in Union City meinen beruflichen Traum verfolgen kann, auch wenn ich mich noch in Geduld üben muss…«
Ein kurzer Blick auf Mrs Stadwell zeigte mir, dass ich nun genug über mich gesagt hatte. Sie zeigte auf den Stuhl neben Phoebe und nahm selbst am Kopfende des Tisches Platz, wie es für den Hausherren – oder in diesem Fall die Hausherrin – üblich war.
»Welchen Beruf möchtest du denn gerne ausüben?«, fragte Juliett und sah dabei verträumt aus.
»Ich möchte Apothekerin werden, wie meine Großmutter, und meinen eigenen Laden führen«, antwortete ich.
Ein Raunen ging durch den Raum und ich wurde in dem bestätigt, was meine Großmutter und ich bereits vermutet hatten. Es war nicht üblich, dass eine Frau eine Apotheke führte. Eine Assistentin des Chef-Apothekers: kein Problem. Selbst eine Apotheke führen: eher die Ausnahme.
»Dann wirst du wirklich viel Geduld haben müssen…«, sagte Harper leise und trank einen Schluck Wasser.
»Du sagtest, du hast alles von deiner Großmutter gelernt?«, fragte Phoebe.
Ich nickte.
»Es wird schwierig, wenn du keine formale Ausbildung hast und eine zertifizierte Apothekerin bist«, sagte Mrs Stadwell. »Es gibt eine gute Akademie der Naturwissenschaften hier in Union City, doch für die meisten Frauen ist der Weg dorthin recht schwer.«
Auch das war mir bereits klar, doch es war deshalb nicht weniger niederschmetternd, es aus dem Mund der anwesenden Frauen zu hören.
»Wir werden uns morgen darum kümmern«, versicherte mir Mrs Stadwell, die meine negative Stimmung wohl zu erahnen schien. »Nun iss erst einmal mit uns.«
Neben Kartoffeln und Grünkohl wurde mir ein – für meine Verhältnisse – großes Stück Fleisch gereicht und ich musste mich beherrschen, nicht alles sofort herunterzuschlingen. Nach der langen Zugfahrt und der Unsicherheit der Nacht war ich wie ausgehungert.
Ich beobachtete verstohlen die anderen Mädchen beim Essen und bemerkte gelegentlich, dass Mrs Stadwell durch Blicke und unauffällige Gesten besonders Juliett Hinweise gab, wie sie ihre Haltung am Tisch korrigieren sollte. Unweigerlich machte ich es Juliett nach und setzte mich aufrecht hin. Ich konzentrierte mich auf die Art und Weise, wie ich Messer und Gabel in der Hand hielt, und drückte dabei auch die Ellbogen näher an meinen Oberkörper. Die Ellbogen beim Essen auf dem Tisch abzustützen galt als unangemessen und zeugte von schlechten Tischmanieren. Ich bemerkte, dass ich meine Serviette nicht auf meinen Schoß gelegt hatte, legte mein Besteck leise und langsam zur Seite und entfaltete die Serviette. Ein kleiner Seitenblick auf Harper verriet mir, dass sie mich dabei ertappt hatte. Sie lächelte kurz, korrigierte dann aber auch ihre eigene Haltung, um ihrerseits nicht negativ aufzufallen.
Nach dem Essen räumten wir gemeinsam den Tisch ab. Natürlich hatte ich dies zu Hause bei meiner Großmutter auch gemacht, doch ich kam mir unbeholfen vor. Jede schien ihren Platz und ihre Aufgabe zu haben. Die jungen Damen und Mrs Stadwell agierten wie ein Uhrwerk, nahezu perfekt und ohne Reibungen. Ich stand abseits und wusste nichts mit mir anzufangen.
»Du wirst deine Aufgabe noch bekommen«, ermutigte mich Juliett. »Wir werden dir dabei helfen. Mit fünf Leuten in der Küche wird es auch ein wenig eng.«
Ich nickte und lächelte unsicher, faltete meine Hände vor dem Körper und wartete ab, ob mich vielleicht doch jemand brauchte. Das war natürlich nicht der Fall.
»Rosalie«, sprach Mrs Stadwell mich an, nachdem wir uns wieder an den Tisch gesetzt hatten. »Warum hast du dich dazu entschieden, hier in diesem Haus zu wohnen?«
Sie sah mich nicht an. Sie schälte einen Apfel mit solcher Eleganz, als wäre sie nur dazu geboren worden. Vielleicht war dies ihre besondere Gabe: Eleganz zu versprühen in allem, was sie tat.
»Ähm-«
»Kein ›ähm‹, bitte. Es klingt, als wüsstest du nicht, was in deinem Kopf vorgeht. Oder dass dort gar nichts vorgeht – im schlimmsten Fall«, korrigierte sie mich direkt.
»…Nun… Es gibt mehrere Gründe, warum ich mich hierfür entschieden habe«, setzte ich erneut an. Da ich nicht noch einmal unterbrochen wurde, schien ich nun die richtige Wortwahl getroffen zu haben. »Der wohl wichtigste Punkt ist die Sicherheit, was auch meine Großmutter sehr beruhigt hat. In einem Haus mit jungen Frauen meines Alters und unter Ihrer Obhut zu wohnen, Mrs Stadwell, ist sehr ansprechend. Noch dazu ist es auch nicht vorgesehen, dass jemand wie ich alleine wohnt.«
Mrs Stadwell nickte.
»Die Stadt ist ein großer und unheimlicher Ort für die meisten Mädchen vom Lande. Wenn man keine Verwandte hier hat, wird es schnell sehr beängstigend. Und ohne einen männlichen Verwandten, bei dem man eine Bleibe findet, wird man sehr schnell schräg beäugt«, bestätigte sie. »Welche Gründe gibt es noch?«
Ich dachte kurz nach, bevor ich den Mund öffnete.
»Die Lage ist nicht zu vernachlässigen«, gab ich an. »Fair Road ist sehr nahe am Stadtzentrum, der Bahnhof ist nicht weit entfernt,… Zu Fuß sind die wichtigsten Geschäfte zu erreichen. Das ist ein großer Vorteil.«
Juliett nickte wissend und nahm dankend ein Stück Apfel entgegen, das Mrs Stadwell ihr reichte. Auch wir anderen gingen nicht leer aus.
»Meine Großmutter fand auch, dass ich von Ihrer Erfahrung im gesellschaftlichen Umgang profitieren kann«, sagte ich, bevor ich von meinem Apfel abbiss.
»Und der letzte Grund?«, fragte Mrs Stadwell und lächelte wissend.
Ich schluckte den Bissen herunter, bevor ich antwortete. Man sprach nicht mit vollem Mund.
»Der finanzielle Aspekt…«, murmelte ich.
»Sei deshalb nicht verlegen, nicht vor uns«, sagte Mrs Stadwell. »Dir ist bewusst, dass du für eine relativ geringe Miete einiges hier zu leisten hast. Du wirst auch hier im Haus arbeiten und helfen müssen. Jede hat ihre Aufgabe zu erledigen.«
»Vor anderen Leuten solltest du aber keine finanziellen Dinge ansprechen«, mahnte Harper. »Auch nicht, wenn sie es ihrerseits tun. Vermeide das Thema Finanzen am besten komplett in der Öffentlichkeit.«
»Was du in bestimmten Kreisen erwähnen kannst – oder auch solltest – ist deine Fähigkeit, sofern du eine besitzt«, ergänzte Phoebe und nippte an ihrem Wasser. »Es ist recht hilfreich, über sie zu sprechen, wenn du dich um eine Stelle bewirbst.«
»Besitzt du eine Fähigkeit?«, fragte Juliett und lehnte sich leicht zu mir.
Ich nickte und aß das letzte Stück Apfel. Die vier Frauen sahen mich gespannt an. Ich schluckte den Apfel hinunter und räusperte mich.
»Ich scheine gegen jegliche Gifte immun zu sein«, gab ich leise zur Antwort. »Bisher gab es jedenfalls noch kein Gift, das bei mir seine Wirkung entfaltet hat.«
Julietts Mund klappte unweigerlich auf, sie schloss ihn schnell wieder und sah zu Mrs Stadwell, die in ihrer Bewegung eingefroren war.
»Das ist eine erstaunliche Fähigkeit«, bemerkte sie.
»Wie hast du herausgefunden, dass du diese Fähigkeit besitzt?«, wollte Harper wissen. »Hat dich jemand vergiften wollen?«
Kopfschüttelnd hob ich abwehrend die Hände. »Oh nein, es war eher ein kleiner Unfall…« Mir wurde ein wenig warm im Gesicht, als ich daran zurückdachte, was vor vielen Jahren geschehen war. »Meine Großmutter hat mich einmal mit in ihr Arzneizimmer genommen. Als eine Nachbarin in den Laden kam, war sie kurz abgelenkt und ich habe mir eine Flasche geschnappt, in der eine milchig weiße Flüssigkeit war. Ich dachte, es wäre Milch, also trank ich einen Schluck davon. Meine Großmutter kam zurück und hat direkt gesehen, dass etwas nicht stimmte. Sie war erst panisch, aber als nach der erwarteten Zeit nichts geschah, machte sich bei ihr die Vermutung breit, dass ich die Fähigkeit meiner Mutter geerbt habe.«
Mrs Stadwell und die Mädchen hörten mir aufmerksam zu. Die Hausherrin fasste sich mit einer eleganten, kurzen Bewegung ans Kinn und setzte ein leichtes Lächeln auf. Ihr Blick verklärte sich für einen Moment, wurde dann aber wieder klar und fokussiert.
»Rosalie, ich habe keine Zweifel, dass du in geraumer Zeit nicht nur eine Anstellung erhältst, sondern auch an der Akademie aufgenommen wirst.« Sie nippte an ihrem Tee und stellte die Tasse dann wieder vorsichtig auf der Untertasse ab.
Auch Harper und Phoebe nickten zustimmend, wobei sie sich kurz ansahen und einen seltsamen Blick austauschten. Ich ließ meine Beobachtung unkommentiert, denn niemand sonst schien es bemerkt zu haben.
»Juliett«, sagte Mrs Stadwell und zeigte auf die Uhr.
Juliett nickte und stand auf. »Gute Nacht, zusammen.«
»Gute Nacht«, antworteten wir im Chor.
Ich sah auf die Uhr, es war gerade mal 20 Uhr. Dann erinnerte ich mich aber, dass Juliett in einer Bäckerei arbeitete und wahrscheinlich sehr früh aufstehen musste.
»Harper und Phoebe verlassen gegen sieben Uhr das Haus. Ich werde um sechs Uhr aufstehen und das Frühstück vorbereiten. Ich würde es begrüßen, wenn du spätestens um halb sieben aufstehst, Rosalie«, sagte Mrs Stadwell und sah mich erwartungsvoll an.
»Natürlich«, antwortete ich nickend. »Darf ich fragen, ob ihr ebenfalls Fähigkeiten besitzt?«
Ich sah Phoebe und Harper unsicher an.
Phoebe nickte und antwortete als Erste. »Empathie ist meine große Stärke. Nach drei Minuten mit anderen Personen in einem Raum kann ich dir sagen, wer sich gerade wie fühlt. Du, Rosalie, bist noch unsicher und aufgeregt, wahrscheinlich aufgrund der neuen Situation hier. Den Grund der Gefühle kann ich allerdings nur vermuten…«
»Ich weiß, dass dein Kleid etwa eine Nummer zu groß ist«, meldete sich Harper plötzlich zu Wort und sah mich von der Seite an. »Du hast Schuhgröße 38 und einen Taillenumfang von 45 Zentimetern.« Sie seufzte. »Ich könnte noch stundenlang so weiter machen…«
»Also kannst du die Maße meines Körpers durch bloßes Hinsehen erkennen?«, fragte ich verwundert und sah an mir herab.
»So ist es…«
Harper schien nicht glücklich zu sein.
»Nun gut. Dann zeige ich dir jetzt dein Zimmer, Rosalie«, durchbrach Mrs Stadwell die kurze Stille und stand auf.
Wir drei taten es ihr gleich. Phoebe und Harper folgten uns und halfen mir mit dem Koffer, der jetzt – nach dem Essen und der Pause – scheinbar schwerer war als vorher. Im oberen Stockwerk angekommen, gingen Phoebe und Harper in ihre Zimmer, während ich Mrs Stadwell zu einem Zimmer neben dem Treppenaufgang folgte. Das Zimmer war gemütlich eingerichtet mit einem Bett, einer Sitzecke, einem Kleiderschrank, einer zusätzlichen Kommode und einem kleinen Waschtisch. Die Möbel waren fein und ich fragte mich, ob die Einrichtung von der Miete bezahlt werden konnte oder sie Überbleibsel des verstorbenen Mr Stadwell waren. Einen Kachelofen gab es hier auch, er war jedoch noch außer Betrieb.
»Du bist für die Ordnung in deinem Zimmer selbst verantwortlich«, erklärte Mrs Stadwell. »Ich werde in der ersten Zeit sehr häufig schauen, ob du in der Lage bist, diese Aufgabe zu bewältigen. Der Holzvorrat für dein Zimmer ist für die Wintermonate bereits eingeteilt. Du musst selbst dafür sorgen, dass er dir nicht ausgeht.«
»Was passiert, wenn ich zu viel Holz verbrauche?«, fragte ich nervös.
»Der Preis für das Holz ist in deiner Miete enthalten. Was darüber hinausgeht, musst du dir selbst besorgen, von deinem eigenen Geld.«
Zugegeben, das war eine törichte Frage, die ich mir selbst hätte beantworten können. Ich nickte dankend und sah zu Boden.
»Ich denke, ich muss dir nicht sagen, dass Herrenbesuch auf dem Zimmer nur am Tage und mit geöffneter Tür erlaubt ist«, mahnte Mrs Stadwell.
Ich schüttelte den Kopf; das hatte ich erwartet, aber dafür war ich auch nicht hier.
»Ich persönlich sehe es lieber, wenn du und dein Besuch – egal welches Geschlecht – unten im Salon seid«, sagte sie und sah sich im Zimmer um. »Hast du noch eine Frage, Rosalie?«
»Nein, bisher nicht«, antwortete ich. Obwohl ich gerne wissen wollte, welche Gabe sie besaß, ließ ich die Frage unausgesprochen. Ich hatte im Kreise unten die Frage gestellt und Mrs Stadwell hätte antworten können. Da sie es nicht getan hatte, nahm ich an, dass sie entweder nicht über ihre Gabe sprechen wollte, oder sie sogar eine der wenigen war, die keine besondere Fähigkeit besaß.
»Gegen 22 Uhr machen wir die Lichter aus. Wir verbringen unsere Abende meist zusammen im Salon, wo wir lesen oder stricken«, fuhr sie fort. »Die Mädchen hatten heute alle einen anstrengenden Tag, deshalb werden wir wohl frühestens morgen deinen Einstand hier gebührend zelebrieren können. Ich hoffe, du bist nicht zu sehr enttäuscht.«
»Keineswegs«, versicherte ich ihr. »Wenn ich ehrlich sein darf, bin ich auch etwas erschöpft.«
»Dann finde dich hier in deinem Zimmer erst einmal zurecht«, sagte Mrs Stadwell und wandte sich zum Gehen. »Wir sehen uns morgen früh. Gute Nacht, Rosalie.«
»Gute Nacht – und danke, Mrs Stadwell«, sagte ich und machte einen Knicks vor der Frau, die sich ab sofort meiner annehmen sollte.
Ich grübelte noch lange, als ich im Bett lag und aus dem Fenster in den Nachthimmel sah. War Mrs Stadwell nun streng oder warmherzig? War sie eine Lehrerin, eine Anstandsdame oder eine Aufseherin? Welche Fähigkeit hatte sie und war ihre Bereitschaft, uns Mädchen bei sich aufzunehmen, eine Äußerung ebendieser? Wahrscheinlich war sie alles zugleich und einfach nur eine verwitwete Frau, die sich mit der Miete, die sie von uns bekam, über Wasser hielt. Oder vielleicht war sie auch einsam und sehnte sich nach Gesellschaft…
Egal, was nun dahinter steckte: Ich wusste, dass ich mich an ihre Regeln halten musste, sonst würden mir ernste Konsequenzen drohen. Mal abgesehen davon, dass sie mich wahrscheinlich hinauswerfen würde und ich dann wie ein geschlagener Hund mit eingezogener Rute zurück nach Church Hill gehen musste. Wie schwer aber war es, ihre Regeln zu befolgen? Würden sie mich einschränken in meinen Erwartungen an mein Leben hier?
Dass ich Aufgaben im Haushalt übernahm, war mehr als selbstverständlich. Dass ich für mein eigenes Zimmer verantwortlich war, war ein Test, ob ich es auch in Zukunft schaffen würde, meinen eigenen Haushalt zu führen. Vielleicht würde es mir schwerfallen, bei jedem unüberlegten Wort unterbrochen zu werden oder bei jeder falschen Bewegung korrigiert zu werden. Großmutter hatte in meiner Erziehung darauf bestanden, dass ich höflich und nicht respektlos war. Doch sie meinte selbst, dass ihre Erziehung wohl für die städtische Gesellschaft nicht ausreichen würde.
Mit diesen Gedanken driftete ich ab in einen Traum, der mich in eine eisige Landschaft verfrachtete. Ich saß stocksteif an einem Tisch auf einer schneebedeckten Wiese. Ich war wie aus Eis, eine Skulptur, die sich nicht bewegen durfte – die sich nicht bewegen konnte. Auch mein Mund wollte sich nicht öffnen. Schattenhafte Gestalten fragten mich, wie es mir ging. Sie wollten wissen, ob es mir gut ging. Nein, sie nahmen an, dass es mir gut ging. Wirkliches Interesse steckte nicht in ihren Worten. Ich fror fürchterlich, doch mein Mund wollte sich nicht öffnen. Ich durfte anscheinend nicht sagen, dass es mir nicht gut ging. Die Gestalten um mich herum tranken und aßen, sie lachten und redeten miteinander, während ich nur da saß und nichts anderes tun konnte, als zuzusehen.
Ich wachte auf, als mein kleiner Wecker neben mir anfing zu klingeln. Erleichtert atmete ich aus, als ich feststellte, dass ich mich bewegen konnte. Mir war auch nicht kalt und nur, um zu prüfen, dass es ging, öffnete ich den Mund und versuchte, mit meiner Zunge meine Nasenspitze zu berühren. Ich stand auf, ging zu dem kleinen Waschtisch und ließ das kalte Wasser in meine Hände fließen. Während ich mich wusch, dachte ich an Phoebes Worte vom gestrigen Abend. War meine Unsicherheit doch größer, als sie es erahnt hatte? Ich horchte in mich hinein, spürte aber keine Panik oder Angst.
Nachdem ich mich angezogen hatte, ging ich nach unten. Ich war gespannt darauf, ob mein Traum nur der erste Schock durch die neue Umgebung war, oder ob er ein Vorbote war für das, was noch folgen sollte.
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