2 – Der silberhaarige Vampir
Als Romina das besagte Dorf erreichte, beäugte man sie skeptisch. Die Sonne stand noch am Himmel und bedeckte ab und zu ihren Körper, also hielt man sie wohl eher nicht für einen Vampir. Vampire verbrannten im Sonnenlicht, zwar zu Beginn erst langsam, doch hatte ihr Körper einmal Sonnenfeuer gefangen, war es nur in den Schatten wieder zu löschen. Wenn überhaupt. Volkan hatte einst einen Vampir gefangen und ihn vor Sonnenaufgang angekettet. Als die Sonne am Himmel aufstieg, brannte der Vampir lichterloh, bis seine Asche durch den Wind davongetragen wurde. Romina würde den Anblick des Vampirs, der winselnd und weinend an den Stamm gekettet war, niemals vergessen. In diesem Moment hatte sie Mitleid mit ihm empfunden.
Selten war es passiert, dass sie Mitleid mit den Kreaturen der Nacht empfand. Sie konnte sich an nicht viele dieser Momente erinnern. Zu Beginn ihrer Ausbildung zur Vampirjägerin hatte Romina jeder Kreatur den Kopf abschlagen wollen – egal, ob sie gerade erst erschaffen worden waren und noch niemanden getötet hatten, oder sie bereits seit Jahrzehnten mordeten. Sie hatte immer wieder die tödlichen Stellen leise vor sich hingemurmelt, hatte sie ins Ziel gefasst und ihren Revolver abgefeuert. Einmal hatte sie in das Gesicht einer jungen Frau, nur ein paar Jahre älter als Romina damals, geblickt. Tränen waren der Frau über das Gesicht gelaufen und der Schein in ihren Augen war langsam erloschen. Romina hatte danach das Weite gesucht, hatte sich hinter einen dicken Baum gekauert und sich übergeben. Danach hatte sie einer Kreatur, die sie erledigt hatte, lange Zeit nicht mehr ins Gesicht geschaut. Mit der Zeit war es einfacher geworden. Nein, nicht einfacher. Es war zur Gewohnheit geworden.
Volkan hatte sie für ihr Mitleid gescholten, ihr eingebläut, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen wäre, bis selbst die unschuldigsten Kreaturen der Nacht töten würden.
»Sie töten, um zu leben. Dabei könnten sie auch nur so viel nehmen, wie sie brauchen und die Menschen leben lassen«, hatte er gesagt. »Aber sie schlachten Männer, Frauen und auch Kinder ab, ohne einen zweiten Gedanken. Es sind Monster.« Volkan hatte sie am Kragen gepackt. »Ein Moment Mitleid kann deinen Tod bedeuten, Romina. Ein Moment der Schwäche ist alles, was ein Vampir braucht, dir die Schlagader aufzureißen. Ein Werwolf reißt dir direkt den ganzen Kopf ab. Und nur der Teufel weiß, was ein Ghul alles mit dir anstellt, sobald du tot bist. Denke also nicht darüber nach, wer diese Kreaturen vorher waren. Ihre Unschuld ist nichts weiter als ein Schatten, und bekanntlich haben Vampire keinen Schatten.«
Für einige Tage nach dieser Standpauke hatte Romina sehr viel intensivere Albträume, stärker als sonst. Sie waren ihr so tief in die Knochen gewandert, dass sie sich im Schlaf einen Finger gebrochen hatte. So fest hatte sie mit ihrer Hand gegen die Wand geschlagen. Nie wieder werde ich Mitleid haben, hatte sie sich damals gesagt, als sie die Gesichter ihrer toten Eltern erneut aus ihrem Kopf vertreiben musste. Zwei Wochen hatte es gedauert, bis sie das Massaker nicht jedes Mal sah, wenn sie die Augen schloss. Und doch war es passiert… Romina hatte doch Mitleid empfunden. Sie schämte sich dafür, hatte es sich in Volkans Gegenwart nicht anmerken lassen. Der alte Mann war zu rigoros, zu radikal gewesen, als dass er es verstehen konnte.
Aber manchmal, ja, manchmal hatte Romina sich eingebildet, dass auch Volkan Mitleid für die Kreaturen der Nacht empfand. Gleichfalls wie sie wollte er es niemanden sehen lassen. Es war vielleicht auch besser so, denn ein Vampirjäger, der Mitleid für Vampire empfand, erlangte wohl eher weniger Aufträge und verdiente somit auch weniger Geld. Dass es ihm trotzdem etwas ausmachte – manchmal jedenfalls -, hatte Romina immer dann bemerkt, wenn er äußerlich junge Kreaturen der Nacht vernichtete. Vampire, dem Kindesalter kaum entronnen; Werwölfe, in ihrer Wolfsgestalt nicht mehr als ein junger Hund; selbst Ghule, die beschämt ihre Nahrung zu sich nahmen. Romina hatte Volkan immer betrachtet, nachdem er solch ein Geschöpf getötet hatte. Den Ausdruck in den Augen des alten Mannes würde sie nie vergessen. Und irgendwann war Romina klar geworden, warum Volkan so auf diese jungen Geschöpfe reagierte. Sie hatte nie nachgefragt, er hatte es nie angesprochen. Man hätte über Volkan sagen können, dass er ein Heuchler gewesen war. Eine solche Predigt für einen Moment des Mitleids, dann aber selbst in tiefen, trauernden Gedanken sein. Romina wusste es besser, als so über ihren Lehrmeister zu denken. Sie kannte dieses Gefühl, es kam immer dann über sie, wenn eine Kreatur ihrem Vater oder ihrer Mutter ähnelte.
Ein Zungenschnalzen holte Romina aus ihren Gedanken zurück in die Wirklichkeit. Starrende Blicke, musternde Kopfbewegungen, ein Naserümpfen oder ein leises Glucksen. Als Neuankömmling wurde man immer wieder neugierig betrachtet; die Vorsicht der Menschen nahm jedoch stark zu, wenn sich in ihrer Mitte seltsame Ereignisse zutrugen. Romina sah an sich hinab, spürte dann das Sonnenlicht auf ihrem Gesicht. Natürlich konnten die Dorfbewohner sie auch für eine Werwölfin halten, die sich bei Nacht verwandelte. Als einzelner Wolf würde es ihr aber nur in den drei Nächten rund um Vollmond gelingen – und bis es dazu kam, dauerte es noch eine gute Woche. Im Rudel, welches von einem Alpha angeführt wurde, war dies anders. Hatte sich ein Alphawolf durch Verwandlung herauskristallisiert – man erkannte diese Wesen an ihrem weißen Fell -, so konnte die Magie des Alphas dafür sorgen, dass jeder Werwolf, der sich ihm unterwarf, sich für einen ganzen Monat im Jahr jede Nacht verwandeln konnte. Welcher Monat dies war, hing vom Zyklus des Alphas ab, denn bei ihm war es umgekehrt: Während alle anderen Werwölfe sich in ihre tierische Gestalt verwandelten, wurde der Alpha wieder zum Menschen. Sein Rudel übernahm dann die Aufgabe, ihn vor allen Gefahren der Nacht zu beschützen.
Alphawölfe waren selten; Volkan meinte, dass der Lehrbruder seines Lehrmeisters einst eine Studie darüber geführt hatte. Von dreihundert Werwölfen war nur einer ein Alpha und sein Ruf lockte alle Werwölfe an, die ihm unterstanden. Der Ruf konnte sie dazu zwingen, sich zu verwandeln, seine Feinde zu zerfetzen oder ihm einfach nur Nahrung zu beschaffen; je nach Stimmlage und dem Gefühl, welches in ihr weitergegeben wurden, bahnten sich die Wünsche des Alphas ihren Weg in die Köpfe seiner Untertanen. Wie es aber dazu kam, dass nur so wenige Alphas ›geboren‹ wurden, war bislang unklar. Volkan hatte einst berichtet, dass es eine Zitadelle gäbe, die die Vampirjäger ausbildete. Dort würden auch Studien geführt, Kreaturen zu Forschungszwecken gefangen gehalten und das somit erhaltene Wissen weitergegeben. Volkan hatte Romina nie den Weg zur Zitadelle gezeigt. Entweder, weil er den Weg dorthin selbst nicht gekannt hatte, oder aus einem anderen Grund. Romina wusste es nicht, dachte jedoch oftmals an all das Wissen in den Regalen der dortigen Bibliotheken und hoffte inständig, dass sie eines Tages dorthin gelangen würde.
Dass man Romina nicht als Ghul identifizierte, erklärte sich an ihrem Geruch. Ghuls verströmten – als umherwandelnde, verwesende Leichen – einen entsprechenden Geruch, den nur die schlauesten unter ihnen durch eine riesige Menge Räucherstäbchen, Parfüm oder den überschüssigen Gebrauch von Seife vertuschen konnten. Selbst die Schminke, die sie auflegten, um ihre verwesenden Körperstellen zu überdecken, waren mit Parfüm versehen. Für die meisten Menschen war der Geruch und das Aussehen des schlauen Ghuls zwar unauffällig, jedoch machten Tiere einen großen Bogen um die wandelnden Leichen – mit Ausnahme von Fliegen. Und da Berush sich problemlos von Romina reiten ließ, war dieser Punkt auch abgehakt. Zur Sicherheit sah sie sich in ihrer näheren Umgebung um. Fliegen schwirrten nicht um ihren Körper umher, doch als sie unauffällig an sich selbst schnupperte, kam ihr der Gedanke, dass dies nicht lange auf sich warten lassen würde.
Wie viel der normale Mensch über die Kreaturen der Nacht wusste, war natürlich eine andere Sache. Gerade die Ghule, die eingewanderten Kreaturen aus Persien, waren eher unbekannt. Romina hatte erst einmal mit einem Ghul zu tun gehabt, und sie war froh, dass sie ihn mit geweihtem Öl bedecken und anzünden konnte. Eine andere Art der Ghul-Vernichtung kannte sie nicht; Volkan war nie dazu gekommen, ihr mehr über sie zu verraten, denn natürlich war Romina beinahe wie besessen davon, alles über Vampire herauszufinden, was generell bekannt war.
Romina steuerte auf einen Schmied zu, der vor seinem Laden seine Waren einsammelte. Die Verkaufszeit war für heute vorbei.
»Gibt es hier ein Gasthaus oder eine Herberge?«, fragte sie und fing eine Eisenkugel auf, die gerade vom Tisch rollen wollte. Ein schönes Stück Handwerkskunst, so glatt und sogar mit Verzierungen.
»Dort drüben gibt es eins. Ein Zimmer dürftest du finden; dieser Tage hält man sich lieber von diesem Ort fern.« Er nickte erst in die Richtung des Gasthauses, dann besah er sich den Sonnenstand. »Beeil dich lieber. Wer weiß, ob er heute Nacht wieder zuschlägt.«
»Ein Vampir?«
Der Schmied zuckte mit den Schultern. »Wir wissen nicht, was es ist. Es verhält sich anders als die üblichen Vampire. Wir haben keine Toten zu beklagen, doch einige Leute, die sich schwach fühlen am Morgen und Bisswunden aufweisen. Aber …« Er brach ab.
»Aber?«, fragte Romina nach.
»Die Bisswunden sind so klein, dass sie von einem Nagetier stammen müssten«, sagte er leise.
Grübelnd ging Romina auf das Gasthaus zu, ließ Berush von einem Knaben in den angrenzenden Stall bringen und gab dem Kind eine feingliedrige Halskette, die sie aus ihrem Beutel zog.
»Wie schön…«, hauchte der Junge.
»Verkauf sie und hol dir dafür etwas zu essen. Oder schenke sie deiner Mutter«, schlug sie vor und betrat dann das Gasthaus.
Sie steuerte auf den Tresen zu, wo sie sich in eine eher dunkle Ecke setzte und beim Wirt ein Bier bestellte.
Keine Toten, wie man ihr in dem anderen Dorf bereits gesagt hatte. Kleine Bisswunden, die von einem Nagetier stammen könnten. Das Schwächegefühl der Dorfbewohner ließ auf Blutmangel hindeuten, also wurden sie ausgesaugt. Doch niemand starb? Und niemand schien sich zu verwandeln, zumindest nicht, wenn sie nicht in einer mondlosen Nacht gebissen wurden. Nur dann war es möglich, zu einem Vampir zu werden. Umgekehrt ging ein Werwolfbiss nur mit einer Verwandlung einher, wenn er bei Vollmond geschah.
Was war das für ein Wesen, das niemanden tötete und so winzige Bissspuren hinterließ? Ein Vampir, der im Taschenformat unterwegs war? Einer, der begriffen hatte, dass Menschen als dauerhafte Nahrungsquelle dienen konnten, wenn man sie nicht restlos aussaugte oder gar abschlachtete? Romina schüttelte geistesabwesend den Kopf. Konnte ein Vampir denn so kontrolliert sein? Die meisten Vampire, denen sie begegnet war, war es im Blutrausch beinahe unmöglich, einer ihrer Verletzungen und dem daraus hervortretenden Blut zu widerstehen. Und warum aber so kleine Bissspuren? War dieser Vampir vielleicht noch ein Kind? Sie erinnerte sich direkt an den Knaben, der Berush in den Stall gebracht hatte. Nein, Berush war ruhig geblieben und hatte sich führen lassen. Der Junge war aus dem Schneider. Noch dazu waren die Leute in diesem Dorf doch sicher in der Lage, einen Tierbiss von einem Menschenbiss zu unterscheiden.
»…gestern Nacht schon wieder. Dieses Mal war es Diana, die Tochter von Stefan, die es erwischt hat…«
Romina hörte auf, ihren Gedanken nachzuhängen, und konzentrierte sich auf das Gespräch der beiden Männer, die eher mittig am Tresen saßen. Sie konnte den beiden ansehen, dass sie sich Gedanken machten. Noch offensichtlicher war, dass sie wohl Tee tranken – kein Bier – und eher lustlos an ihren Brotscheiben knabberten.
»Es sind immer nur junge, unverheiratete Frauen, oder? Erst war es Ana, dann Dawina, dann … dann Karolina. Und jetzt Diana.«
»Stimmt. Jetzt, wo du es sagst… Alle jungfräulich. Das ist mir vorher gar nicht so aufgefallen.«
»Du warst auch noch nie der Klügste«, schaltete sich der Wirt ein und stellte dem Mann einen weiteren Becher Tee vor die Nase. »Alle unverheiratet, man möge aber bezweifeln, dass sie alle jungfräulich sind.«
Der angesprochene, nicht so kluge Mann schrak auf. »Nicht so laut! Du weißt nie, wessen Vater oder Onkel gerade durch die Tür hereintritt!« Ängstlich sah er sich um.
»Ich bitte dich. Wenn meine Tochter wie Karolina herumlaufen würde, hätte ich sie schon längst verheiratet, um solchen Gerüchten keine Nahrung zu geben.«
Es schien Romina, als wäre Karolina des Öfteren das Dorfgespräch. Unweigerlich zuckte sie mit den Schultern, denn es war ihr egal, wer mit wem und wann und weshalb. Allerdings kam ihr durch das Gespräch der Männer ein Gedanke. Eine Idee, wie man das blutsaugende Ding im Taschenformat anlocken konnte.
Auf ihrem Zimmer bereitete Romina sich vor. Dazu gehörte – neben einem dringenden Bad -, dass sie die oberen Knöpfe ihrer Bluse öffnete, ihre Haare auflockerte und auch ein wenig rote Farbe auf ihre Lippen strich. Sie betrachtete sich im Spiegel, roch noch einmal an sich selbst, zog den Gürtel um ihre Taille enger und ging dann nach unten.
Die gewünschte Reaktion kam auch prompt, als einer der Männer am Tresen seinen Becher fallen ließ und ihr mit offenem Mund hinterher gaffte.
»Hey, so solltest du nicht herumlaufen, wenn du nicht gebissen werden willst!«, zischte ihr der Wirt zu, aber Romina winkte nur ab.
Vor dem Gasthaus stand sie kurz da und betrachtete die Sonne, deren Strahlen nur noch schwach über die Anhöhe kamen. Sie ging zu den Stallungen, um nach Berush zu sehen. Dabei schlenderte sie eher, ließ sich Zeit und spielte auch mit einer Strähne ihrer Haare. Nicht wenige Männer auf der Straße stolperten und sahen ihr nach, viele Frauen rümpften die Nase oder schüttelten den Kopf, bevor sie ihren Männern an den Hinterkopf schlugen. Dass man Romina für eine umherwandernde Prostituierte hielt, war ihr ebenfalls egal. Die enge Hose machte diese Interpretation eigentlich zunichte, würde doch ein Rock besser passen. In Ermangelung ebensolchen hatte Romina allerdings keine andere Wahl. Die blutsaugende Kreatur legte auf Jungfräulichkeit anscheinend keinen Wert, was sie dem Gespräch der Männer hatte entnehmen können. Junge Frauen, unverheiratet – in diese Sparte passte Romina rein, und sie würde es voll ausreizen, um das Ding anzulocken.
Berush war versorgt. Als er seine Herrin sah, stellte er die Ohren auf. Romina betrachtete ihren Hengst aufmerksam, sah ihm aber nicht an, dass er etwas wahrnahm.
»Noch zu früh, oder?«, flüsterte sie ihm zu, was Berush mit einem leisen Schnauben beantwortete. »Na gut. Ich verlasse mich auf dich, wenn du etwas bemerkst. Berush, aufpassen!«, sagte sie dann und hob ihren Zeigefinger an.
Berush hob den Kopf, schnaubte erneut und wartete nun auf das kleinste, verdächtige Geräusch.
Zu der Ausbildung ihres Pferdes gehörte, dass es wieherte, wenn sich übernatürliche Wesen in der Nähe befanden. War er im Stall, so trat er dreimal mit einem Huf gegen die Wände der Box, um Romina zu warnen. Sie wusste zwar, dass sie am nächsten Morgen einiges zahlen musste für die Box, aber das war es ihr wert. Berushs Tritt war kräftig; seine Hufeisen waren eine Mischung aus Eisen und Silber, eine schwierige Mischung, denn das Verhältnis musste stimmen. Volkan hatte diese Ausstattung der Reittiere von seinem Lehrmeister übernommen, der wiederum hatte es sicher aus der Zitadelle mitgebracht. An den Hufen befanden sich Spitzen, die bei einem Tritt in den Körper des übernatürlichen Wesens eindringen würden. Romina hatte einmal erlebt, wie vernichtend Berushs Tritt sein konnte, besonders mit diesen Hufeisen. Ein Werwolf hatte sie verfolgt und war nur noch wenige Meter hinter ihnen gewesen. Berush war abrupt stehen geblieben, hatte mit voller Wucht nach hinten ausgetreten und der Werwolf, der ebenfalls mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu gekommen war, hatte sich eher unabsichtlich in die silbrigen Spitzen geworfen. Eine davon hatte sein Herz durchbohrt – der Werwolf war umgehend tot gewesen.
In Erinnerung an diesen Zwischenfall seufzte Romina leise. Welche Techniken lehrte man sonst noch in der Zitadelle? War es ein Fehler gewesen, nie nach anderen Jägern zu suchen, auch nach Volkans Tod nicht? Hätte man sie dort aufgenommen und ihr die Bibliotheken und anderes gezeigt? Hätte man sie wieder auf ihren Rachefeldzug gehen lassen? Gerade die letzte Frage brachte Romina ins Schwitzen. Ja, es war Rache, keine Wohltäterschaft für die Menschheit, die sie antrieb. Wie würde die Zitadelle über so etwas denken?
Zurück in ihrem Zimmer entzündete Romina ausnahmsweise keine Kerze. Sie öffnete eines der Fenster und wartete in der Dunkelheit, legte sich hin und lauschte. Vermutlich wartete sie zwei Stunden, dann hörte sie die drei Tritte gegen die Wand der Box. Romina blieb liegen, den eisernen Schürhaken des Zimmerkamins, der halb unter dem Kissen versteckt war, in der Hand.
Wieder war es nur ein Rascheln, das sie vernahm. Sanft und leise, und Romina dachte an Flügel eines Vogels. Sie erschrak, doch blieb sie ruhig liegen, als sie die tiefe, leise Stimme vernahm.
»Mit Abstand die Schönste. Aber sicher nicht von hier.«
Ihre Augen hatte sie nur leicht geöffnet. Sie versuchte, jemanden oder etwas zu sehen, etwas zu riechen, jedoch nahm sie nichts wahr, außer das sanfte Rascheln und die tiefe Stimme.
Sie zuckte nicht, als etwas ihre Haare zurückstrich. Er oder es ging äußerst behutsam vor. War deshalb bisher niemand gestorben? War es einfach seine Art, die Dinge langsam und ruhig anzugehen?
»Es tut nicht weh, ich verspreche es dir.«
Eine Pause – und Romina wusste, dass er gleich zubeißen würde. Sie riss die Augen auf, drehte sich ruckartig um und schwang den Schürhaken durch die Luft. Es war, als hätte sie etwas getroffen, aber definitiv nichts Großes.
»Au!«, meckerte die tiefe Stimme – aber Romina konnte rein gar nichts sehen.
In Windeseile ging sie zum Fenster und schloss es. Dann stand sie da, wartete und ließ ihren Blick durch das Zimmer huschen.
Da! Auf dem Bett! Etwas bewegte sich und Romina sprang nach vorne, erhob den Schürhaken und drosch auf das Bett ein.
»Hey, pass doch auf, du Furie!«
Jetzt konnte sie es sehen – und stutzte.
»Eine Fledermaus?«, fragte sie überrascht.
Tatsächlich klammerte sich an die schweren, mottenzerfressenen Vorhänge des anderen Fensters neben dem Bett eine kleine, pelzige Fledermaus. Ihre kleinen Knopfaugen funkelten rotgolden und fixierten Romina mit ihrem Blick.
»Ich hab dir rein gar nichts getan, du hast also keinen Grund, mit dem Ding auf mich loszugehen!«, fauchte die Fledermaus mit ihrer tiefen Stimme.
Die Überraschung über die sprechende Fledermaus währte nur kurz. Romina nahm Anlauf, sprang auf das Bett und stürzte sich dann wieder auf das Tier. Letzteres flog durch das Zimmer auf der Suche nach einem Versteck, aber Romina war direkt hinter ihm, schlug weiter nach ihm. Dass dabei der Spiegel und die Waschschüssel kaputt gingen, interessierte sie nicht sonderlich. In der Nähe des Fensters erwischte sie die Fledermaus ein zweites Mal. Sie fauchte, kam auf dem Sessel in der Ecke auf und schüttelte ihren kleinen, pelzigen Kopf.
»Na, jetzt reichts aber, Frau!«, rief die Fledermaus aus, als Romina ein weiteres Mal mit dem Schürhaken auf sie zu stürmte.
Alles, was Romina dann noch wahrnahm, war ein dunkler Schatten, schwärzer als jede mondlose Nacht und ein Wind, der sich im Zimmer ausbreitete. Kurz darauf blieb Romina wie angewurzelt stehen, der Schürhaken bewegte sich kein Stück. Fest hatte er ihn im Griff und ließ ihn nicht los. Er baute sich vor Romina auf, die Augen nun eher rot glühend, ohne eine Spur von Gold.
»Ich sagte, es reicht«, knurrte er – und es war dieselbe Stimme wie die der Fledermaus.
Romina starrte den Mann vor sich an. Spitze Ohren, rote, glühende Augen und Eckzähne, die länger und spitzer waren als der Rest. Ein wunderschönes Antlitz mit klar definierten Linien und einer Nase, die vielleicht ein klein bisschen zu lang war. Rominas Herz setzte aus, als sie die silbernen Haare des Mannes wahrnahm. Die Erinnerungen fluteten ihren Verstand, ließen sie das brennende Haus und die Leichen ihrer Eltern sehen, als wäre alles gerade eben erst passiert. Schweiß rann ihren Rücken hinunter, die Aufregung brachte ihren Atem zum Rasen und ihr Herz pumpte mehr Blut als sonst durch ihren Körper. Das ist er.
Noch bevor sie etwas anderes sagen oder denken konnte, ließ sie den Schürhaken los, gab dem Mann einen von unten gerichteten Schlag gegen das Kinn und nahm dann Abstand zu ihm – nur um sich mit Anlauf auf ihn zu stürzen. Es splitterte und Romina spürte, wie die Glasscherben des Fensters in ihren Körper schnitten. Der Fall war länger als gedacht und sie landete halbwegs sicher auf dem Boden, den Mann unter ihr. Ein Stöhnen entfuhr beiden und für einen Moment rührte sich keiner. Romina rollte von ihm herunter, während der Silberhaarige noch immer stöhnte und nach Luft rang. Sie rappelte sich auf, Griff erneut nach dem Schürhaken, doch der Mann stellte einen seiner Stiefel darauf. Eine klare Demonstration seiner Macht, denn gerade eben hat er noch keuchend auf dem Rücken gelegen!
»Wehe, du schlägst mich noch einmal mit dem Ding. Dann setzt es was, Frau!«, fauchte er und griff nach ihrem Kragen.
Romina nutzte seine Kraft, die er aufbrachte, sie hochzuhieven, und setzte zu einem weiteren Schlag an. Der Mann schnaubte, ließ sie los – und verpasste ihr dann einen Schlag in die Magengrube. Romina taumelte nach hinten, spuckte aus und rappelte sich am Dorfbrunnen auf. Der Schlag war längst nicht so hart, wie er hätte sein können. Überheblicher Arsch!
Langsam kam er auf sie zu, die roten Augen auf sie gerichtet. In den Häusern ringsherum wurden Kerzen entzündet und Romina hörte einige Aufschreie, als den Dorfbewohnern klar wurde, was dort in der Dorfmitte gerade passierte. Selbst im Wirtshaus wurde Licht entfacht und die Fenster der Gastzimmer wurden aufgerissen.
»Nicht eine einzige Frau ist gestorben während meines Aufenthalts hier, Vampirjägerin«, sagte er. »Du hättest es auch einfach dabei belassen können. Aber nein, du wolltest unbedingt eine Schlägerei anzetteln.«
Kein Grinsen lag auf seinen Lippen. Nicht so wie damals. Er kam ihr mit dem Grinsen weitaus gefährlicher vor, unberechenbarer. Trotzdem hatte Romina es hier mit einem der geheimnisvollen Silberhaarigen zu tun. Konnte er sich deshalb in eine Fledermaus verwandeln? Noch nie hatte sie dies bei einem Vampir beobachtet. Hatten die Silberhaarigen noch schrecklichere Fähigkeiten als ihre Stärke und ihre Schnelligkeit? Wie sollte sie ihn fangen, geschweige denn töten? Er hatte noch lange nicht gezeigt, was er wirklich konnte, darüber war Romina sich im Klaren.
Der Vampir näherte sich ihr immer noch und nach hinten gab es durch den Brunnen keine Fluchtmöglichkeit. Nicht, dass Romina an Flucht gedacht hätte, denn endlich hatte sie ihn gefunden: Den Mörder ihrer Eltern. Er stand nun hier vor ihr, zum Greifen nah. Ich muss mir was einfallen lassen! Dann sah sie es.
»Sonderlich stark scheinst du ja nicht zu sein«, stichelte sie und ihre Stimme bebte vor Aufregung. »Hast du die Frauen deshalb nicht getötet? Weil du nicht dazu in der Lage bist?«
Sie blinzelte nur einmal; dieser Bruchteil einer Sekunde reichte aus. Der Vampir war nicht mehr etwa drei Meter von ihr entfernt, er stand nun direkt vor ihr. Ein leises Keuchen entfuhr Romina, denn diese Bewegung – so bewusst ihr auch war, dass es bei Vampiren möglich war – hatte sie tatsächlich erschreckt.
»Du willst nicht wissen, wozu ich in der Lage bin«, raunte er und seine Nasenspitze berührte ihre. »Ich bin kein gewöhnlicher Mann.«
»Aber du bist ein Mann?«, fragte sie mit zitternder Stimme.
Er stutzte. »Was für eine dumme Frage! Natürlich bin ich ei-«
Romina trat zu, so hart sie nur konnte. Der Vampir knickte ein, keuchte und hielt sich den Schritt. Mit Tränen in den nun wieder goldenen Augen sah er zu ihr auf.
Romina griff nach der Schaufel mit der eisernen Schippe, die sie vorhin neben dem Brunnen hatte liegen sehen, und schlug, so hart es ihr möglich war, zu. Die spitze Ecke der Schippe bohrte sich in seinen Kopf und der Vampir kippte zur Seite weg.
Romina kippte nach hinten, verlor beinahe den Halt. Vor dem steinernen Ring kam sie auf dem Boden zum Sitzen und keuchte schwer. Sie wandte den Blick nicht vom Silberhaarigen ab, auch nicht, als sich die Dorfbewohner staunend und in Aufregung auch schreiend um sie sammelten.
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