4. Kapitel : Eine Frau kam, ein Junge ging
Zufrieden mit seiner Ausbeute ließ Trix das kleine Dorf High Hill hinter sich. Sein Weg führte ihn an einen großen See, an dessen Ufer eine Mühle stand. Umgeben von Weizenfeldern, die schon bald ihren Ertrag abwerfen würden, war dies ein günstiger Standpunkt für die Mühle. Am Rande des Sees, der von einem Waldfluss gespeist wurde, machten Trix und Perri Rast. Kaum war sein Sattel entfernt worden, schlich sich Perri in den Wald, da er dort erneut seine Beute ausgemacht hatte. Kurze Zeit später kam er mit einem Wildschwein zurück, das er aufgrund des Gewichts am Hinterlauf mit sich zog.
»Guter Junge!«, applaudierte Trix, und Perri wedelte vergnügt mit der Rute.
Nach dem Essen sah sich Trix aufmerksam um. Die Bäume um sie herum gaben genügend Schatten ab. Sie waren ein wenig abseits des Weges, der durch den Wald führte, und er konnte auch keine Reisenden hören. Da Perri entspannt im Gras lag und das Wildschwein verdaute, schienen sie ungestört zu sein. Umso besser, dachte Trix und begann, sich auszuziehen. Langsam glitt er ins Wasser des Sees und war erleichtert. Das kühle Wasser tat gut und er fühlte sich mit einem Male tiefenentspannt. Während Trix seine Haut reinigte, dachte er unentwegt an die Erlebnisse in High Hill. Hatte er richtig gehandelt? Er war ein großes Risiko eingegangen, doch er war ziemlich sicher, dass sein Plan erfolgreich gewesen war. Was würde nun aus dem Dorf werden? Würde der neue Dorfvorsteher nur auf die Belange der Kaufmänner achten, oder auch an die Bauern denken? Grinston und Halgren hatten angedeutet, dass sie einen Nachfolger bereits entsprechend präpariert hatten… Der Halbelf seufzte. Was nun geschah, lag nicht mehr in seiner Macht.
Trix fuhr sich mit beiden Händen über den Hals und den Nacken, wo seine Tätowierungen ein Ende fanden. Er besaß sie seit vielen Jahren und er erweiterte sie stets. Die Bedeutung der Linien und Punkte, die sich von seinen Lenden über seinen Bauch und auch teilweise seinem Rücken bis zu seinem Hals zogen, waren nur für ihn und seine Söldnertruppe ersichtlich. Zum einen waren sie ein Erkennungsmerkmal. Zum anderen waren es Zeichen seiner Taten, die – zugegeben – nicht immer rechtschaffen waren. Schon bald, so dachte Trix, würde er sich Flammen auf seiner Haut verewigen lassen, als Zeichen für den Brand, den er in High Hill verursacht hatte. So würde das Schicksal des alten Mannes und auch das des Dorfes auf ihm lasten, so lange er lebte.
Trix schüttelte energisch den Kopf, um seine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Er zwang sich, an seine Ausbeute zu denken, und dachte wieder an den geheimnisvollen Gegenstand, den er bei Grinston erworben hatte – vor seinem Auftrag. So etwas wie dies war nicht für Menschen gedacht. Selbst für Elfen war es kostspielig und überaus gefährlich. Trix wägte seine nächsten Schritte sorgfältig ab. Entweder er behielt den Gegenstand für sich selbst, oder er suchte den nächsten Händler, vielleicht auch einen Elfenhändler auf, um ihn zu verkaufen. Beides war nicht ohne Risiko, wo die Elfenhändler doch ihre recht festgefahrene Meinung über solche Gegenstände und ihre Besitzer hatten. Trix war sich allerdings sicher, dass er einen sehr guten Preis dafür erzielen konnte. Den Gegenstand zu behalten, bedeutete aber, das Schicksal herauszufordern – nicht zu sprechen davon, ihn auch zu benutzen. Nein, ihn zu behalten war keine Option. Also überlegte Trix, wo er den nächsten Händler – vorzugsweise einen zwielichtigen mit Verbindungen zu Hexenmeistern – finden konnte. Sein Weg würde wieder nach Westen führen, an die Grenzen des Waldreiches.
Plötzlich wurde Trix aus seinen Gedanken gerissen. Im Wald hinter ihm raschelte es, und Perri hob seinen Kopf. Die Ohren in die Richtung des Geräusches gedreht, wandte sich der große Wolf um und hielt sich geduckt. Er knurrte nur kurz – ein Zeichen für Trix, achtsam zu sein. Dann blieb Perri stumm, die Augen auf das gerichtet, was Trix noch nicht sehen konnte. Der Halbelf stieg leise und so vorsichtig er konnte aus dem Wasser und griff nach einem seiner vielen Dolche. Den schwarzen Dolch ließ er in seiner Tasche, da die magischen Fähigkeiten der Waffe noch nicht ergründet waren. Kaum war er bewaffnet, da sah er sie auch schon: Drei Männer in dunkler Kleidung gingen durch das Gestrüpp. Einer von ihnen trug ein Fernglas an seinem Gürtel. Da sie geradewegs auf Trix und Perri zugingen, hatten sie sie wohl aus der Entfernung bereits sehen können.
»An eurer Stelle würde ich dort stehen bleiben!«, rief Trix ihnen entgegen und zeigte dann auf Perri. »Er kann es nicht leiden, wenn man ihn aufweckt.«
»Beretristan Proudear?«, rief einer der Männer zurück.
»Und wenn es so wäre?« Trix hasste es, wenn man ihn Beretristan nannte.
»Wir haben einen Auftrag für dich«, antwortete der zweite Mann. Er trug eine Augenklappe und seine schulterlangen schwarzen Haare hingen ihm im Gesicht. »Komm, zieh dir was an und lass uns reden.« Dabei zeigte der Mann auf Trix’ Gemächt und drehte sich dann um. Die beiden anderen Männer taten es ihm gleich.
Trix seufzte, zog sich aber dann seine Hose und sein Hemd an. Er streichelte Perri über den Kopf und rief die Männer zu sich.
»Wusste nicht, dass Elfen so gut bestückt sind«, kicherte der Mann mit dem Fernglas.
»Falls euer Auftrag die Besteigung der Tochter irgendeines Lords ist, können wir gerne weiter über mein Gemächt reden«, sagte Trix trocken. »Ansonsten weiß ich nicht, wohin dieses Gespräch führen soll.«
»Nicht in diese Richtung«, brummte der Mann mit der Augenklappe und stieß seinen Kumpan in die Seite. »Überlass mir lieber das Reden und setz dich hin.«
Der Mann mit dem Fernglas verzog beleidigt das Gesicht, setzte sich aber ohne ein Wort. Perri behielt alle drei Männer im Auge, was besonders den Mann, der Trix beim Namen genannt hatte, sehr nervös machte.
»Angst vor Wolfshunden?«, fragte Trix beiläufig.
»Wie man es nimmt«, murmelte er, setzte sich dann auch und warf Perri immer wieder verstohlene Seitenblicke zu.
»Also, worum geht es denn?«, wollte Trix wissen und drehte fortwährend den Dolch in seinen Händen.
»Die Frau unseres Meisters ist verschwunden. Er vermisst sie schrecklich«, erzählte der Mann mit der Augenklappe.
Trix bildete sich ein, dass er eine gewisse Ironie zwischen den Zeilen hörte.
»Eheprobleme kann ich aber nicht lösen«, gluckste Trix.
»Darum geht es nicht. Wir wissen nicht, wo sie ist, und wir haben Probleme, sie aufzuspüren.«
Der Mann mit der Augenklappe blieb ruhig, trotz der Witzeleien, die Trix von sich gab. Das war neu für den Halbelf, wo doch andere Leute recht schnell die Geduld mit ihm verloren, wenn er so war. Trix sah sich die Männer genauer an. Sie waren nicht allzu groß, eher schlank und nicht mit zu vielen Muskeln bepackt. Ihre Kleidung war unauffällig und leicht. Mit Fernglas, Pfeil und Bogen sowie Dolchen bewaffnet, waren sie keine Leibwächter, sondern eher Jäger, Fährtenleser.
»Weshalb habt ihr Probleme, eine Frau aufzuspüren?«, fragte Trix genauer nach. »Ihr seht aus wie Jäger. Wenn jemand die Fährte einer Kreatur verfolgen kann, dann doch ihr.«
»Es gestaltet sich bei dieser Frau als etwas komplizierter«, erklärte der Mann mit der Augenklappe. »Sie ist eine Halbelfe, so wie du. Selbst unser Meister hat Probleme, sie zu finden.«
»Wer ist euer Meister?«
Es war der Mann mit der Angst vor Wolfshunden, der antwortete: »Rorick Stokeworth«, kam es ohne langes Nachdenken.
Trix kam der Name bekannt vor. »Der Hexenmeister aus Arganon?«
Der Mann mit der Augenklappe nickte.
Der Halbelf kam ins Grübeln. Arganon war die Hochburg der Hexenmeister. Die Familie Stokeworth war dort erst seit einigen Jahren an der Macht, nach recht fragwürdig verlaufenen Wahlen. Von Rorick Stokeworth selbst hatte Trix noch nicht viel gehört, außer, dass er der älteste Sohn des ehemaligen Familienoberhaupts war. Dass einem Mann mit solcher Macht und beinahe unbegrenzten Ressourcen das Auffinden seiner Frau unmöglich war, regte Trix zum Nachdenken über die Frau an.
»Das muss ihm ja mächtig gegen den Strich gehen, wenn er seine Frau nicht mehr finden kann«, platzte es aus Trix heraus. »Spricht für die Fähigkeiten der Frau. Er hat einen guten Fang gemacht.«
»Oder auch nicht, da sie ihm ja wieder entfleucht ist«, kicherte der Mann mit dem Fernglas.
Von beiden Kameraden erntete er stumme Blicke des Todes. Entschuldigend hob er die Hände über den Kopf und sah zu Boden.
»Aber irgendwas müsst ihr wissen über sie und ihre Flucht«, sagte Trix, nun mit ernster Stimme. »Einen Anhaltspunkt, einen Ort, …?«
»Alles, was wir wissen, ist, dass sie sich ein Pferd aus den Stallungen genommen hat und damit zum Hafen am Blorissin geritten ist. Das Pferd haben wir gefunden, die Frau allerdings nicht«, gab der Mann mit der Augenklappe an.
»Wir haben einen der Hafenarbeiter … eindringlich befragt«, flüsterte der Mann, der Perri noch immer skeptisch beäugte (was übrigens auf Gegenseitigkeit beruhte). »Er sagte, sie hätte für eine Überfahrt nach Silcrist bezahlt.«
»Dort haben wir ihre Spur verloren. Niemand in Silcrist meint, sie gesehen zu haben.« Der Mann mit der Augenklappe seufzte. »Silcrist ist keine zwei Stunden von hier in westlicher Richtung. Sie hat wohl mittlerweile drei Tage Vorsprung.«
Trix seufzte. Drei Tage waren eine Menge Zeit, besonders für eine Halbelfe, die anscheinend nicht unerhebliche Fähigkeiten aufwies.
»Mal angenommen, ich nehme euren Auftrag an«, fing Trix an. »In welcher Zeitspanne verlangt euer Meister denn zufriedenstellende Ergebnisse von mir?«
Der Mann mit der Augenklappe setzte sich aufrechter hin als zuvor. »Unser Meister vermisst seine Frau schrecklich. Es wäre ihm natürlich am liebsten, wenn er sie so schnell es geht wieder an seiner Seite weiß. Ihm ist durchaus bewusst, dass ihre Fähigkeiten dem im Weg stehen. Ein Monat hält er für realistisch.«
Zustimmend nickte Trix. »Damit muss er rechnen. Und mit welcher Vergütung kann ich rechnen?«
Der Mann mit der Augenklappe warf seinem Kumpan mit dem Fernglas einen Blick zu. Der griff in seine Tasche, die er auf dem Rücken trug, und zog einen üppig gefüllten Beutel hervor, den er Trix zuwarf. Unweigerlich schnaufte Trix, als er den Beutel auffing.
»Zehntausend Münzen jetzt, als Anzahlung und für die Mittel, die du für die Suche aufwenden musst«, erklärte der Mann mit der Augenklappe. »Wenn du sie findest und zurückbringst, wartet ihr Gewicht in Gold auf dich.«
Da war es jemandem überaus wichtig, seine Frau wiederzufinden, dachte Trix. Die zehntausend Münzen als Anzahlung waren schon genug, um zu bejahen, sich abzusetzen und sein Leben zu frönen. Doch die Aussicht auf noch mehr, mehr als er sich es je hätte vorstellen können, ließ ihn erzittern.
»Wenn ich sie gefunden habe, werde ich noch eine Woche mit ihr verbringen«, sagte Trix mit einem Grinsen. »Ich werde sie mästen, bevor ich mich mit ihr in Arganon zeige.«
Der Mann mit dem Fernglas lachte das dreckigste Lachen, das Trix je gehört hatte. Auch der Mann mit der Augenklappe konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
»Solange sie lebend und unberührt in Arganon ankommt, kannst du mit ihr machen, was du willst«, raunte er, und Trix entging die versteckte Drohung nicht.
Der Wolfhund-Liebhaber griff nun auch in seine Tasche, was von Perri mit einem Knurren kommentiert wurde. Trix wandte seinen Blick und beäugte den Mann skeptisch.
»Ich will nur eine Zeichnung von ihr hervorholen«, flüsterte der Mann.
Trix machte eine beschwichtigende Handbewegung in Perris Richtung, der zu knurren aufhörte. Er nahm das Pergament entgegen und entrollte es. Die Frau, die vor seinen Augen erschien, war wahrlich zehntausend Münzen wert. Entgegen der üblichen Vorstellung von Halbelfen, hatte sie keine spitzen Ohren, doch ihre Augen waren so mit dem Kohlestift gezeichnet, dass Trix sie vor seinem geistigen Auge sehen konnte. Ihre Augen waren hell, heller als gewöhnlich, und mit ein wenig Farbe hatte der Zeichner verdeutlicht, dass ihr dunkles Haar purpur glänzte.
»Sie ist ungefähr fünfeinhalb Fuß groß und wiegt nach letzten Einschätzungen etwas mehr als einen Zentner«, kommentierte der Mann mit der Augenklappe die Zeichnung. »Sie hört auf den Namen Nymiel. Ein recht junges Ding, keine zwanzig Jahre alt.«
»Nymiel«, wiederholte Trix den Namen der jungen Frau leise und nur für sich. »Wo hast du dich versteckt, Nymiel?«
»Das herauszufinden, wird deine Aufgabe sein, Beretristan Proudear«, sagte der Mann mit der Augenklappe abschließend und stand langsam wieder auf. »Wie gesagt, du hast einen Monat Zeit. Solltest du es dir anders überlegen oder einen Aufschub haben wollen, dann sei so ehrlich und gib uns Bescheid.«
»Wohin soll ich die Nachricht schicken?«, fragte Trix und erhob sich ebenfalls.
»Sende einen Boten oder einen Falken zu mir nach Arganon«, antwortete er. »Mein Name ist Orwin.«
Dankend nickte Trix dem Mann namens Orwin zu, woraufhin sich die drei Männer umdrehten und gingen. Trix sah ihnen noch lange hinterher, bis Perri sich umdrehte und sich am Ufer niederließ – ein Zeichen, dass keine Gefahr in der Nähe war. Trix warf einen weiteren Blick auf die Zeichnung der Halbelfe Nymiel. Ein hübsches Exemplar, dachte Trix, auch wenn Zeichnungen oft gemacht wurden, um den Porträtierten zu schmeicheln. Doch in diesem Fall, da sie eine Halbelfe war, schien die Zeichnung ihrer Schönheit nicht gerecht zu werden. Er war sich sicher, dass er sich bald persönlich davon überzeugen konnte. Trix rollte das Pergament auf, verstaute es mitsamt dem Beutel in seiner großen Tasche und fuhr dann mit seinem Bad fort, das so unverhofft unterbrochen wurde.
Silcrist war eine große Stadt, die zu Trix’ Missfallen voll war mit Halbelfen. An jeder Straßenecke tummelten sie sich. Sie gehörten zu Silcrist wie die mürrischen Kaufleute, die stetig lachenden und giggelnden Huren, und die feinen Leute, die hochnäsig durch die Straßen schlenderten. Viele von den feinen Leuten liefen nicht einmal selbst – sie wurden vom Hauspersonal in Sänften getragen. Trix mochte Silcrist eigentlich. Es war laut, es war voll, es roch nach Essen, und manchmal setzte er sich am Straßenrand auf ein leeres Fass und sah den anderen Söldnern dabei zu, wie sie sich um ihre Beute prügelten. Heute war es ihm zu voll, zu laut – und leider gab es auch keine Prügelei. Wenn, dann hätte er sowieso nicht zuschauen können. Je schneller er die Halbelfe fand, so dachte er, desto mehr Zeit konnte er damit verbringen, sie für die Übergabe ›vorzubereiten‹. Je dicker sie bei ihrem Ehemann ankam, desto besser für Trix. Dem Halbelfensöldner war klar, dass Nymiel nicht bei Hexenmeister Stokeworth sein wollte. Ein junges Ding wie sie bei einem Hexenmeister mit zweifelhaftem Ruf wie ihm? Nie im Leben. Das änderte aber nichts an der Tatsache, dass Trix erstens zugesagt hatte und zweitens eine immense Belohnung für sie bekommen würde.
Perri trottete vorsichtig neben Trix her. Die Stadtbewohner waren an Wolfshunde gewöhnt, denn einige Söldner besaßen solch ein famoses Reittier. Nicht nur Wolfshunde waren beliebt – ein paar Söldner ritten sogar auf Hippogreifen, konnten sich also auch fliegend fortbewegen. Von denen sah Trix heute keine und Perri blieb das ausgefallenste Reittier, das aktuell durch Silcrist lief. Bei einer der vielen Tavernen angekommen, ließ sich der schwarze Wolfshund neben dem Eingang nieder, während sein Herr nach drinnen ging. Taverne war ein nettes Wort, Spelunke traf es eher. Dunkel, verraucht, mit allem gefüllt außer Ehrlichkeit, stand sie eher am Rande der Stadt und bot ein kurzweiliges Obdach für Kreaturen aller Art. Gnome, Halbtrolle, vor allem aber schlecht gelaunte menschliche Söldner fanden hier warmes Bier, um die vergangenen Gräueltaten herunterzuspülen. Kaum hatte Trix einen Fuß über die Schwelle gesetzt, wurde es still. Alle Augenpaare wandten sich ihm zu, er versuchte es zu ignorieren. Sie folgten ihm, als er Richtung Theke ging. Erst als er sich gesetzt und einen Klaren bestellt hatte, fingen die Gestalten wieder an, miteinander zu reden. Der Wirt, eine Mischung aus Gnom und Troll (ja, so etwas war durchaus möglich), stellte ihm das Glas vor die Nase und streckte sofort die Hand nach seiner Bezahlung aus. Trix gab ihm zwei Münzen und versuchte, das Glas nicht zu lange anzusehen. Er bereute es, dass er kein Bier genommen hatte. Die bräunliche Farbe des Biers versteckte die Flecken des Glases. Trix schloss die Augen, kippte die klare Flüssigkeit mit einem Mal hinunter und schob das Glas dann von sich weg.
»Sieh an, sieh an«, vernahm er eine rauchige Stimme hinter sich. »Wenn das mal nicht Trix Proudear ist.«
Trix drehte sich langsam um und sah in die gelben Augen eines Gnoms, der größer war als der Rest seiner Rasse. Um genau zu sein, war die Kreatur, die vor Trix stand, ein Halbgnom, und zwar einer von der bissigen Sorte.
»Ulkri, du Riesengnom«, begrüßte Trix den gelbäugigen Halbgnom. »Mal wieder fette Beute gemacht?« Dabei zeigte Trix auf die Manticore-Mähne an Ulkris Umhang, die recht neu aussah.
»Allerdings. Garstiges Biest…«, murmelte Ulkri. »Hat drei meiner Männer erledigt, bevor wir es endlich zur Strecke gebracht hatten. Was treibt dich nach Silcrist, Junge?«
Ulkri kannte Trix schon seit einer Ewigkeit. Damals, bei ihrem ersten Treffen, war Trix frisch bei der Söldnertruppe gewesen, also gerade einmal neun Jahre alt. Ulkri war es gewesen, der ihm schließlich auch Perri geschenkt hatte. Der Halbgnom war äußerlich rau, wie seine Stimme, doch in ihm schlummerte ein weicher Kern – vor allem für Wolfshunde. Er selbst besaß ein ganzes Rudel, was es ihm bei seiner Jagd nach den seltenen Wesen und ihren Fellen leichter machte.
»Ein neuer Auftrag, nichts Wildes«, winkte Trix ab. Da sie nicht alleine waren, wollte Trix nicht zu viel verraten. »Ich habe letztens eine Manticore-Kralle erworben. Kannst du sie dir mal ansehen?«
Ohne auf eine Antwort zu warten, zog Trix die Kralle aus seiner Tasche und reichte sie an Ulkri weiter. Der Halbgnom drehte die Kralle vorsichtig in seiner warzigen Hand und prüfte sie eingehend.
»Wie viel hast du dafür bezahlt?«, wollte Ulkri wissen.
»Tatsächlich war sie beinahe geschenkt«, gab Trix zu.
»Gut«, sagte Ulkri. »Sie ist alt. Wenn du Glück hast, kannst du dich noch etwa drei oder vier Mal auf ihre Dienste verlassen, danach ist sie nutzlos.«
Trix nickte und steckte die Kralle wieder weg.
»Wie lange bist du schon in Silcrist?«, fragte er.
Ulkri nahm einen Schluck von seinem Bier, bevor er antwortete. »Nicht lange genug, um mich an diese Brühe zu gewöhnen. Eine Woche dürfte es aber schon sein.«
»Eine Woche ist recht lang für dich«, kicherte Trix. »Ist Madame Maligra noch im Geschäft?«
Kaum merklich schlich sich Farbe in das Gesicht des Halbgnoms, das nur mit wenigen Warzen besetzt war.
»So viel ich gehört habe, ist sie das«, nuschelte er und nahm einen erneuten Schluck von seinem Bier. »Warum willst du das wissen?«
Trix kicherte. »Nicht weil ich sie dir wegschnappen will.«
Ulkri errötete noch mehr. Madame Maligra war die Besitzerin des feinsten Bordells in Silcrist und zudem die wohl schönste Halbelfe, die in dieser Region heimisch war. Für Trix war sie mit ihren einhundertsechzig Jahren viel zu alt, doch für Ulkri, der etwa genauso alt war, war sie der Inbegriff des Verlangens. Es geschah nicht selten, dass Ulkri ihr teure Geschenke machte, darunter Einhornhaar, Hippogreiffedern und die gegerbte Haut eines Basilisken. Madame Maligra lehnte jedoch jedes seiner Geschenke ab und sagte immer wieder, dass sie etwas besaß, was von größerem Wert war. Jedes Mal, wenn Ulkri ihr ein Geschenk brachte, fragte sie ihn auch, ob er erraten könne, was sich in ihrem Besitz befand. Bisher hatte er es nicht erraten können, weshalb sie ihn nicht zu sich einlud.
»Ich werde ihr trotzdem einen Besuch abstatten«, sagte Trix. »Vielleicht hat sie ja ein Mädchen für mich.«
»Hm«, brummte Ulkri, dessen Stimmung anscheinend an einem Tiefpunkt angelangt war. »Das hat sie mit Sicherheit.«
Madame Maligras Bordell lag mitten im besten Viertel von Silcrist. Nur ausgewählte Männer durften ihr Haus betreten – und Madame Maligra wusste genau, wer diese Männer waren. Als Halbelfe besaß sie erstaunliche Fähigkeiten. Sie erkannte die Absichten einer Person, sobald sie sie erblickte. Gewalttätige Schlächter waren in ihrem Bordell nicht willkommen, und ihre Halbtrolle verhinderten, dass sie eintreten konnten. Ihre Mädchen gingen auch nicht auf der Straße nach Kundschaft fischen. Die Mädchen von Madame Maligra kamen nicht zu einem, man musste zu ihnen kommen – und die Männer kamen in Scharen vor die Tür ihres Hauses.
Trix wartete nun geduldig vor genau dieser Tür, bewacht von den Halbtrollen, die ihn nicht aus den Augen ließen. Nach kurzer Zeit wurde ihm dann der Einlass gewährt. Im Bordell selbst war es warm und der Rauch der Kerzen vernebelte ihm die Sinne. Trix atmete langsam, um nicht zu viel von dem Rauch abzubekommen, der absichtlich betören sollte. Die Frauen, die für Madame Maligra arbeiteten, waren exquisit. Der Preis für eine Nacht mit ihnen – eintausend Münzen – war durchaus angemessen. Neben Halbelfen, ostländischen Menschenfrauen mit ihrer schneeweißen Haut und dunkelhäutigen Schönheiten der Sonneninseln hatte Madame Maligra auch reinblütige Elfen, die hier anscheinend ihre Berufung gefunden hatten. Eine dieser reinblütigen Elfen kam nun auf Trix zu, und er musste sich beherrschen, dass er diesen hellen, in der Dunkelheit glühenden Augen nicht verfiel.
»Madame Maligra wünscht, Euch zu sprechen«, sagte sie mit leiser und melodischer Stimme.
Trix folgte ihr die Treppe nach oben. Der Korridor, den sie passierten, führte zu den Räumen der Frauen. Viele der Türen waren geschlossen und Trix konnte die Leidenschaft hören, die dahinter gerade zelebriert wurde. Einige Türen standen offen und die Frauen lagen verführerisch zwinkernd auf ihren Betten oder standen vor dem Spiegel und besahen sich ihre Kurven. Trix biss sich auf die Lippe; es würde noch einen Augenblick dauern, bis er ihre Dienste in Anspruch nehmen konnte. Als sie das Ende des Korridors erreicht hatten, blieb die Elfe stehen und zeigte mit einer galanten Handbewegung die Treppe hinauf, die vor ihnen lag.
»Ihr dürft nach oben gehen«, sagte sie und ließ Trix passieren.
Trix atmete tief durch und ging nach oben. Er klopfte zweimal an die Tür, die am Ende der Treppe angebracht war, und wartete auf das Zeichen. Eine helle Glocke ertönte und er öffnete die Tür.
»Beretristan«, kam es aus einer Ecke des Raumes. »Wie lange ist es her? Drei Jahre?«
Madame Maligra war groß, beinahe so groß wie Trix selbst. Ihre langen Haare, die sie zu einem festen Knoten gebunden hatte, leuchteten in der Dunkelheit. Sie waren, dem Alter der Halbelfe entsprechend, hellgrau, obwohl sie es schon von Geburt an waren. Ihre Augen, so purpur wie der Abendhimmel, strahlten ihm entgegen. Trix schluckte, denn es war nicht zu leugnen, dass Madame Maligra wunderschön war. Gemäß ihrem elfischen Blut sah man in ihrem Gesicht kein Zeichen der beinahe zwei Jahrhunderte, die sie auf dieser Welt schon verweilte.
»Das dürfte hinkommen«, antwortete Trix mit heiserer Stimme.
Madame Maligra kam auf ihn zu, legte ihre Hände auf seine Wangen und reckte sich nach oben, um ihm einen Kuss auf die Stirn zu geben. Das tat sie jedes Mal, wenn sie ihn sah, seit er ein kleiner Junge gewesen war.
»Falls du hier bist, um Girla zu besuchen, muss ich dich leider enttäuschen«, sagte Madame Maligra. »Sie hat sich auslösen lassen und ist nun verheiratet.«
Trix erinnerte sich an Girla. Sie war eine Menschenfrau mit kurzen, roten Haaren und dunklen Augen. Sie war es, an die er vor einigen Jahren seine Unschuld verloren hatte.
»Oh, nein, ich bin nicht wegen Girla hier«, sagte Trix. »Es ist schön, zu hören, dass sie verheiratet ist.«
Trix freute sich wirklich. Er hatte nie so etwas wie romantische Gefühle für Girla empfunden. Es war eine Art Freundschaft, eine Bewunderung seinerseits, denn Girla war eine charakterstarke Frau, die sich ihrem Schicksal entgegengestellt und gesiegt hatte. Damals als Sklavin aus den nordischen Kolonien an einen zwielichtigen Hexenmeister verkauft, hatte sie sich befreit, dem Hexenmeister beide Augen ausgestochen und war geflüchtet. Girla war auch nicht ihr richtiger Name, doch ihren wahren Namen hatte sie abgelegt, um ihren Verfolgern zu entkommen. Sie war es, der Trix anvertraut hatte, dass er mit seinem Schicksal nicht zufrieden war, und sie hatte ihm Mut zugesprochen. Mehr als zehn Jahre älter als er selbst war Girla eine Mischung aus Freundin, großer Schwester und Mutter zugleich gewesen.
Madame Maligra strich ihm über die Wange und riss ihn aus seinen Gedanken. »Du suchst etwas, mein Junge.«
Es hatte keinen Sinn, sich vor ihr zu verstellen oder sie zu belügen. Madame Maligra sah viel, sie sah auch meist die Zweifel in den Personen und was sie bedrückte. Genau deshalb war er hierher gekommen.
»Ich suche eine Frau, eine Halbelfe«, sagte Trix. »Sie ist ihrem Ehemann weggelaufen. Ich habe zugesagt, sie zu finden und zurückzubringen.«
»Warum ist sie weggelaufen?«, fragte Madame Maligra. Ihr Blick veränderte sich. Er ging von sanft zu undurchlässig über.
»Ich habe nicht nachgefragt, und in meinem Beruf ist dies auch nicht von Belang.« Trix blieb hart, doch er wusste, dass Madame Maligra ihre eigenen Ansichten über seine Aufträge hatte.
»Oh, mein Junge…«, murmelte sie. Dann seufzte sie laut. »Nun gut… Eine Halbelfe also.«
Sie ging in eine Ecke des Raumes, in der ein runder Tisch stand. Auf dem Tisch lagen allerlei Dinge, so zum Beispiel ein Haufen bunter, schimmernder Steine, Karten und Pulverdöschen. Madame Maligra setzte sich an den Tisch und nahm eine Auswahl an Steinen in die Hand. Sie schloss die Augen und rieb die Steine zwischen ihren Handflächen.
»Beschreibe mir ihr Aussehen«, verlangte sie von Trix.
»Fünfeinhalb Fuß groß, dunkle Haare mit purpurnem Schimmer, helle Augen«, rief sich Trix das Aussehen der Frau ins Gedächtnis.
Madame Maligra murmelte etwas, dann warf sie die Steine auf den Tisch. Sie studierte ihre Position, betrachtete sie von allen Seiten. Dann richtete sie das Wort wieder an Trix.
»Die Frau, die du suchst, kam vor ein paar Tagen nach Silcrist«, sagte sie. »Sie hatte Angst und war verzweifelt. Sie wurde verfolgt. Die Frau kam nach Silcrist, doch die Frau verließ die Stadt nicht wieder. Ein Junge nahm die Straße zum Frogolin. Ein Junge, der genauso viel Angst hatte und genauso verzweifelt war.«
Trix sah Madame Maligra erst verdutzt an, dann dachte er noch einmal über ihre Worte nach.
»Sie hat sich als Junge verkleidet«, schloss Trix. »Sie wusste, dass sie verfolgt wird und hat beschlossen, dass es als Junge ungefährlicher ist, zu reisen.«
Madame Maligra lächelte.
»Dein Weg führt dich also zum Frogolin. Doch ich kann nicht sagen, wohin du gehen musst, wenn du dort angekommen bist.«
Dem Halbelf war bewusst, dass Madame Maligra nicht alles sehen konnte. Was die Vergangenheit und die Gegenwart anging, waren ihre Augen sehr geschärft. Doch die Zukunft – so sagte Madame Maligra selbst immer wieder – war undurchsichtig und wechselhaft wie das Wetter im Frühling.
»Wann ist der Junge zum Frogolin aufgebrochen?«, wollte Trix wissen.
Madame Maligra sah sich die Steine auf ihrem Tisch erneut an. »Heute Morgen erst.«
Noch immer hatte die Frau namens Nymiel also einen Vorsprung, aktuell waren es aber keine drei Tage mehr, sondern nur noch fünf Stunden. Bis zum Frogolin waren es drei Stunden zu Fuß. Auf Perri würde er es in einer Stunde schaffen, sofern er direkt losging.
»Danke, Madame Maligra«, sagte Trix und verbeugte sich. »Was schulde ich Euch?«
Er griff nach seiner Gürteltasche, doch Madame Maligra winkte ab.
»Du schuldest mir keine Münzen«, flüsterte sie. »Du schuldest mir etwas anderes.« Sie trat näher an ihn heran und Trix regte keinen Muskel. »Gnade und Aufmerksamkeit ist es, die ich von dir verlange. Nicht für mich, sondern für die, die du suchst. Es hat einen Grund, dass sie ihrem Ehemann weggelaufen ist. Sei nicht blind und nicht kalt wie Eis, wenn du ihr begegnest.«
Trix seufzte leise. »Das ist aber nicht meine Aufgabe.«
»Du wirst sehr bald an eine Kreuzung gelangen. Du wirst überlegen müssen, welchen Weg du gehen willst.« Ihre Stimme war so geheimnisvoll wie ihre Worte und ihre Augen glänzten im Halbdunkel des Raumes. »Wähle weise, Beretristan, und überlege dir gut, welche Belohnung du dein Eigen nennen möchtest.«
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