Leseprobe: Multiplikator

Prolog: Was sind schon ein paar Jahrzehnte?

Dreihundert Jahre Training, Zauber, andere Experimente – endlich hatte er es geschafft: Er war der Stärkste von ihnen allen, hatte es ihnen gerade gezeigt. Um ihn herum lagen so viele leblose Körper, dass er sie nicht mehr zählen konnte. Einst war er einer von ihnen gewesen, doch schon sehr früh hatte er gespürt, dass er – tief in seinem Inneren – etwas anderes war. Zu ›mehr‹ geboren, als wäre es seine Bestimmung. Ja, es war seine Bestimmung, mehr zu sein als ein bloßer Wächter, mehr zu sein als ein Oberster Wächter. Dreihundert Jahre hatte es gedauert, nun war es endlich so weit, dass er der ›Sangai no Shihai-sha‹ – der Regent der drei Seelenwelten – sein konnte.
Die Armee der Wächter, die deren Anführer, der Oberste Wächter aufgestellt hatte, war an ihm und seinen Hybriden abgeprallt. Zwar hatte er viele seiner jüngsten Experimente opfern müssen, doch auch wenn sie noch nicht zu einhundert Prozent ausgereift waren, hielten die Hybride – eine Mischung aus Wächtern und Schatten -, was sie versprachen. Sie zu opfern für sein Voranschreiten war ohnehin sein Plan gewesen. Nun schritt er über ihre zerfetzten und teilweise noch zitternden Körper, ignorierte Schmerzensschreie und die gelegentlichen Hilferufe.
Was interessiert es mich? Die haben mich nie interessiert. Es gibt nur ein Ziel, das ich verfolge – und ich stehe so kurz davor.
Er kannte den Weg zu den vier Toren, kannte auch die beiden Schlüsselträger. Der Oberste Wächter musste sie fortgeschickt haben, denn er war sich bei mindestens einem von ihnen sicher, sie hier sehen zu müssen. Doch er war nicht da, der Mann mit den dunkelblauen Augen, die ihn an einen endlosen Ozean erinnerten.
»H… H-hilf..- Hilf – mir…«
Die Worte drangen wie aus Tausenden von Kilometern an seine Ohren. Er drehte sich um, sah den Hybrid vor sich liegen. Die dunklen Male auf der Haut dieses Mischwesens, die den fremden Nexus in ihm halten sollten, zeichneten sich auch durch das viele Blut ab, das seinen Körper bedeckte.
Er ließ sein Schwert durch die Luft surren, trennte den Kopf des Hybrids von dessen Schultern ab. Keine Hilferufe mehr. Beinahe schon ehrfürchtig sah er dabei zu, wie der kleine, leuchtende Nexus des Hybrids aus seinem Körper trat. Für die meisten war dieser kleine Lichtschimmer beinahe unsichtbar. Er hatte jedoch lange genug an den Nexus geforscht, dass er das sanfte Aufblitzen und die nebelig verschwommene Kugel erkennen konnte. Mit dem nächsten Blinzeln war der Nexus verschwunden und er fragte sich, wie lange es dauern würde, bis der Seelenkern seinen früheren Ursprung gefunden hatte.
So viele Nexus, so viele Experimente… Nicht wenige Nexus hatte er – wenn auch aus Versehen – zerstört. Bis er sich sicher war, dass er keinen mehr zerstören würde – jedenfalls nicht aus Versehen – hatte er nicht gewagt, seinen eigenen Seelenkern anzurühren. Der Durchbruch war ihm früher gelungen, als er geglaubt hatte.
Sie ist einfach perfekt.
Von allen Frauen, denen er sich bereits vor deren Geburt zugewandt hatte, war sie die mit Abstand talentierteste.
Eigentlich ist sie noch ein Mädchen… Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, was sie noch alles vollbringen wird.
Wie oft hatte er sie besucht, ihr Können getestet … sie einfach nur gerne betrachtet? Er hatte sich immer wieder ins Gedächtnis rufen müssen, dass sie eine von vielen war, doch mit der Zeit war ihm bewusst geworden, dass sie die eine war. Die, die er seit so langer Zeit gesucht hatte.
Sie war Plan A gewesen. Wundersamerweise hatte er es ohne sie geschafft. Aber er würde nicht ohne sie weitermachen. Plan B war es, ihr das zurückzugeben, was er ihr genommen hatte. Zu beiden Plänen gehörte, sie danach an seiner Seite zu wissen. Für immer.
Er stoppte in seinen Bewegungen; etwas hatte seine Aufmerksamkeit erregt.
»Endlich zeigst du dich«, sagte er und ein gefährliches Lächeln umspielte seinen Mund. »Du hast alle für dich sterben lassen. Du hast sie für ihn sterben lassen. Sinnlos, möchte ich erwähnen.«
Die Lässigkeit, die der Oberste Wächter sonst immer an den Tag legte, war verschwunden. Er spürte es in dem festen Gang, den großen Schritten – und weil er sehen konnte, wie die Knöchel des Mannes weiß hervortraten, so fest umklammerte er seine beiden Schwerter.
Selbst seine lockeren Sprüche verkneift er sich.
»Seit wann bist du so still?«, fragte er.
»Bis hierhin und nicht weiter, Zabuken. Deine Reise endet hier, und mit ihr dieser Wahnsinn«, erhielt er als Antwort und die Blicke seines Gegenübers bohrten sich durch seinen Körper in seine Seele.
»Du wusstest, wo ich auftauchen würde, hattest deine ganze Armee parat.« Er hob die Arme und schaute zu den leblosen Körpern um ihn herum. »Was hat es dir gebracht, dich mit diesem Nichtsnutz zu verbünden? All die Informationen über mich, die du von ihm erhalten hast. Sieh, wozu sie geführt haben.«
Zu einem gewissen Teil hatte Zabuken damit gerechnet, dass Creed ihn verraten würde.
Ich habe ihn zu stark gemacht. Es war ein Fehler, diesen wunderschönen Nexus ihm zu geben.
Er würde Creed den Nexus entnehmen, ihn an seinen Ursprungsort zurückbringen, sodass seine Zukunft gesichert war. Dafür muss dieser hier vor mir aber erst einmal sterben.
Gerade war er dabei, sich dem Obersten Wächter entgegenzustellen, ihn anzugreifen – da bemerkte er, dass seine Füße ihn nicht weiterbringen wollten. Zum zweiten Mal an diesem Abend huschten die Fragen über sein Gesicht und er sah unter sich.
Schwach zeichnete es sich ab unter seinen Füßen, ein Siegel, so mächtig, wie er nur selten eines gesehen hatte.
Blutzauber. Ihre Spezialität.
Für einen kurzen Moment flatterte Zabukens Herz in seiner Brust wie ein junger Vogel in einem Käfig. Wie lange hatte er dieses Gefühl schon nicht mehr gehabt? Selbst als er sein Mädchen vor ein paar Stunden noch besucht hatte, war er nicht so aufgeregt gewesen. Jetzt jedoch, da er vermutete, dass sie auch hier war, richtete er seinen Blick suchend auf die Umgebung.
Aus den Schatten traten sie hervor, mehrere Leute, beinahe noch Kinder – aber sie war nicht dabei. Wenn es Personen gab, die er mehr verabscheute als den Obersten Wächter, dann waren es diese Neuwächter hier vor ihm. Was hat es mit dieser Generation nur auf sich? Ist das die Evolution der Wächter? Wieso hat sie mich nicht erreicht? Nicht nur sein Mädchen war überaus talentiert, sondern auch diese vier Kinder hier vor ihm.
Noch bevor er etwas sagen konnte, wurde die ganze Macht des Siegels aktiviert. Schwarze Ranken schlangen sich um seinen Körper, klemmten ihn ein, umwickelten ihn, ließen ihn aufstöhnen und bewegungslos werden.
So kurz vorm Ziel!
Zabuken wand sich hin und her, versuchte, wenigstens eine Hand zu befreien – alles umsonst. Die Ranken verdickten sich, wurden zu einem Ganzen und umhüllten ihn wie einen tödlichen, schwarzen Mantel.
»Das kann nicht wahr sein! NIEMALS IM LEBEN KÖNNTET IHR MICH BESIEGEN!«, schrie er, verlor die Beherrschung, die er sonst immer an den Tag legte.
Schwer schnaufend und Zähne fletschend ging er unweigerlich zu Boden, wo er sich nicht anders zu helfen wusste, als zu fluchen. Und ehe er sich versah, trat dieser Jüngling mit dem Schwert vor, stopfte ihm etwas in den Mund, sodass auch seine undefinierbaren Laute endgültig verebbten.
Der Zauber hatte ihnen viel genommen, Zabuken sah es ihnen an. Leider, so ungern er es auch zugeben wollte, hatte es ausgereicht, ihn zu schlagen. Zabuken schloss die Augen, ließ es über sich ergehen, dass er noch mehr gefesselt wurde, ihm weitere Siegelzauber angeheftet wurden. Schließlich brachten sie ihn weg, schleppten ihn durch eine – wenn auch kleine – Menge lebender Wächter, von denen er bespuckt und mit Dingen beworfen wurde.
Dass er beworfen und bespuckt wurde, war ihm gleich. Er hatte sich vor so langer Zeit bereits von diesen Leuten hier abgewandt, hatte sich seit so langer Zeit schon nicht mehr zu ihnen gehörig gefühlt. Zabukens Atmung beruhigte sich, er hielt die Augen weiterhin geschlossen.
Als er die Kühle der Grube an seinem Körper spürte, hatten sich seine Gedanken beruhigt. In den letzten Minuten waren sie zerrüttet gewesen durch die Überraschung, den Zorn, die Verzweiflung, und schlussendlich durch die Gedanken an sein Mädchen. Nun war er ruhig, wusste, was er zu tun hatte.
Es würde eine Weile dauern, bis er sie wiedersehen würde. Es würde Monate oder Jahre, vielleicht auch Jahrzehnte dauern, aber eines stand fest: Er würde hier wieder herauskommen.
Die Ketten wurden angelegt und an den Höhlenwänden und an der Decke befestigt. Weitere Zauber, die an den Kräften der Wächter zehrten. Wie sie sich aufopferten, ihn einzusperren. Ja, all dies war nötig, wollten sie ihn doch ein für alle Mal wegsperren. Sollten sie es tun, es würde ihnen nur für eine begrenzte Zeit gelingen. Was waren schon Jahrzehnte für einen Unsterblichen?
Plan B war gescheitert, denn Zabuken war zu ungeduldig geworden.
Plan C würde ihn aus dieser Zelle holen, auch wenn er lange warten musste. Denn Plan C benötigte Vorbereitungszeit.
Genauso wie Plan D.
Und Plan E.
Als die deckenhohen Tore seiner Zelle verriegelt wurden und die Dunkelheit ihn umschloss, öffnete er seine Augen; er war bereit, zu warten.

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