
Die Herrscher von Arivan
Die Dörfer rings um Aravis brannten bereits. Xilaris konnte die Rauchsäulen sehen, die sich spiralförmig in den frischen Morgenhimmel hinauf zogen. In der Nacht hatten sie angegriffen und wie man hörte, hatten sich die Krieger von Arivan tapfer gewehrt. Leider war es nicht genug gewesen.
»Komm jetzt!«
Ihre Mutter packte sie am Arm; es tat weh, aber die Königin war nicht zu bremsen.
»Je schneller wir dich von hier fortschaffen, desto besser. Wir hätten niemals so lange zögern dürfen«, raunte sie in die Dunkelheit des Gangs, von dessen Steinwänden ihre Stimme widerhallte.
»Ist es nicht sowieso bereits zu spät, Mutter?« Xilaris wusste, dass es ihr Leben retten würde, wenn sie floh. Trotzdem blieb der bittere Beigeschmack: Die Herrscher von Arivan hatten sich noch nie kampflos ergeben. Warum sollte sie es tun? Weil sie eine Frau war? »Gib mir ein Schwert in die Hand, ich werde wie Vater kämpfend sterben.«
Lovian, die Königin, drehte sich zu ihrer Tochter um und brachte sie mit einem eisigen Blick zum Schweigen.
»Noch ist er nicht tot. Aber er wird es sein, wenn er sich weiterhin Sorgen darüber machen muss, ob wir noch hier sind.« Sie hastete weiter, zog Xilaris mit sich. »Wenn wir fliehen, kann er ungestört ein frisches Heer um sich scharen, kann erneut gegen die Kuriother in den Kampf ziehen.«
»Als ob sie ihn am Leben lassen!«, fauchte Xilaris. »Die Herrscher von Arivan-«
»Du bist nicht die Herrscherin von Arivan, Xilaris!« Die Stimme ihrer Mutter bebte. »Du bist die Tochter des Herrschers. Als solche hast du die Verantwortung, weiterzuleben, auch wenn du fürs Erste fliehen musst. Und wenn du reif genug bist, wirst du selbst eine Armee aufstellen und dir Arivan von den Kuriothern zurückerobern.«
Schwachsinn, dachte Xilaris. Wo soll ich denn eine Armee herbekommen?
»Und was ist mit Srimalin?«, fragte sie.
Ihre Mutter blieb stehen.
»Ein weiterer Grund, warum du fliehen musst«, sagte sie leise. »Nur du und dein Vater wissen, wo es versteckt ist.«
»Eigentlich nur Vater«, murmelte Xilaris. »Er hat mir den letzten Teil nie verraten.«
»Nein, damit wollte er warten, bis du verheiratet bist.« Lovian seufzte. »Harivad wird tot sein. Ich glaube nicht, dass er dir noch als Ehemann dienen kann.«
Xilaris seufzte laut. Eine Träne bahnte sich ihren Weg. Nicht weil sie Harivad geliebt hatte. Zwischen ihnen hatte es eine Übereinkunft gegeben: Er würde an ihrer Seite über Arivan herrschen, doch dafür würde er ihr niemals Fragen über Srimalin stellen. Er hatte es geschworen vor Ariv, selbst vor Bergo hatte er es mit Blut besiegelt. Das Wissen über die legendäre Waffe, die von Bergo, dem Allvater der Götter selbst erschaffen sein soll, würde nur an die Nachfahren ihrer Linie weitergegeben werden. So war es schon immer und so würde es auch immer sein.
Und falls Vater bereits tot ist, dann ist das Wissen um sie mit ihm gestorben.
Fünf Teile hatte das Rätsel um das Versteck der legendären Waffe. Der fünfte Zeitpunkt der Offenbarung war als ihre Vermählung mit Harivad angesetzt worden.
Die nun niemals stattfinden wird…
Ohne die Vermählung hatte sie aber auch nicht das Wissen über diese Waffe. Xilaris würde sie also auch nicht gegen die Kuriother einsetzen können. Sowieso nicht, denn sie war mit Sicherheit nicht die Tochter von Bergo, die – laut der Prophezeiung – die mächtige Waffe führen und die Völker des Kontinents damit vereinen konnte. Obwohl Xilaris von den Göttern gesegnet wurde – was ihre dunklen Haare mit den von Natur aus goldenen Spitzen bestätigten -, stand ihr diese Ehre bestimmt nicht zu. Die Herrscher des Kontinents Bergot glaubten auch eher an den Teil der Prophezeiung, die von dem Sohn von Bergo sprach, wenngleich eine Tochter genauso gut eine Waffe führen konnte.
Gerade wollte die Königin in den nächsten Gang nach links abbiegen, da brandete ein Geschrei auf.
»Sie sind im Palast«, stellte sie mit Schrecken fest.
»Was?! Jetzt schon?« Xilaris sah durch die großzügigen Bögen, die den Blick zum Innenhof freigaben. »Das kann nicht sein…«
Beide Frauen erschraken, als ein Soldat in den Gang gelaufen kam.
»Nein, Ihr könnt nicht hier lang, Gebieterin! Ihr müsst zurück!«, sagte er mit holpriger Stimme.
»Aber hinter uns befinden sich nur die Gemächer«, protestierte Lovian.
»Dann sucht eines, dessen Fenster zum Wald hinaus zeigen. Ihr müsst Euch aus dem Fenster retten.« Er drehte sich wieder um. »Ich versuche sie aufzuhalten.«
Das Geschrei wurde lauter und die ersten Bediensteten sowie Höflinge liefen in Panik durch den Innenhof.
»Lauft, Gebieterin, lauft!«, wiederholte der Soldat noch einmal, dann war er verschwunden.
Zurück ging es also, und die Königin wählte Xilaris’ Gemächer, denn diese wiesen Fenster in die empfohlene Richtung auf. Als sie in die drei aneinandergrenzenden Zimmer stürzten, die der Prinzessin zur Verfügung standen, schrien ihre beiden Zofen laut auf. Lovian beachtete sie kaum, rannte zum Fenster und spähte hinaus.
»Das ist zu hoch, das überleben wir nicht. Wir brechen uns bestenfalls ein Bein und liegen dann wie Karpfen auf dem Servierteller.« Sie huschte zum Bett. »Dina, Dori, helft mit!«, befahlt sie den Zofen und begann damit, Bettlaken miteinander zu verknoten.
Dina und Dori reagierten, rannten zum Wandschrank und holten weitere Laken heraus. Xilaris ging indessen zu dem alten Gemälde in der Ecke, hievte es zur Seite und nahm den Dolch aus seinem Versteck. Sie platzierte sich an den Eingang ihres Schlafgemachs und wartete.
»Wo hast du den denn her?«, rief ihre Mutter mit schriller Stimme aus.
»Harivad hat ihn mir geschenkt«, sagte Xilaris tonlos und hielt den Dolch noch fester in ihrer Hand. »Ich war der Meinung, dass ich mich verteidigen sollte. Daraufhin hat er ihn mir geschenkt.«
»Dieser törichte Bengel«, raunte die Königin, trat auf ihre Tochter zu und hebelte den Dolch aus ihrem Griff. »Du gehst und hilfst den Zofen. Sobald ihr fertig seid, kletterst du an den Laken nach unten.«
»Mach dich nicht lächerlich«, schnaubte Xilaris. »Ich bin jünger und wendiger. Ehe sie mich erwischen, kann ich vielleicht zwei von ihnen töten.«
Ein vernichtender Blick ihrer Mutter schickte Xilaris mit eingezogenem Kopf zu Dina und Dori. Das war schon immer die Stärke der Königin gewesen: Leute ohne ein Wort zur Vernunft bringen. Xilaris wusste, dass sie für Arivan wichtiger war als ihre Mutter, die noch nicht einmal von hier war. Lovian war einst eine Prinzessin aus Puyino gewesen, dessen Herrscher von Arivans Erzvorkommen profitieren wollte. Xilaris’ Großvater hatte für seine Verhältnisse schnell reagiert, obwohl er – laut Aussagen ihres Vaters – eher schwerfällig von Begriff gewesen war. Er hatte kurzerhand Erz für Rüstungen gegen die schwarzen Diamanten aus Puyino getauscht, denen man nachsagt, dass sie für die Magie unerlässliche Quellen sein sollen. Gesagt, getan, und der Handel wurde durch die Vermählung von Lovian mit Xarantis, ihrem Vater und Nachfolger von Arivan besiegelt.
»Fertig«, keuchten Dina und Dori gleichzeitig, knoteten das lange Laken an den Bettpfosten und warfen es durch das geöffnete Fenster.
»Prinzessin, wir halten das Laken fest und ihr klettert nach unten«, sagte Dori.
Mit einem letzten Blick auf ihre Mutter seufzte Xilaris laut und unterdrücke die Tränen. Dieses Mal aus Liebe.
»Möge Bergo dich beschützen und Ariv dich wieder zu mir führen«, sagte ihre Mutter über ihre Schulter hinweg.
»Ich liebe dich«, keuchte Xilaris und ging zum Fenstersims.
Alle vier Frauen schrien laut auf, als die Tür zu den Gemächern krachend aufflog. Xilaris drehte sich um.
Sie sah noch, wie die Königin mit einem wilden Schrei auf den großen Mann in der schwarzen Rüstung losstürmte. Sie schwang den Dolch hin und her, ohne wirklich ein Ziel vor Augen zu haben. Dann sah sie zu dem Mann in der Rüstung.
Noch nie hatte Xilaris einen solch großen Mann gesehen. Er überragte ihre Mutter um beinahe zwei Köpfe und er war sicherlich auch mehr als einen Kopf größer als ihr Vater. Was sie ihm nicht zugetraut hätte – bei solcher Körpergröße – war seine Wendigkeit. Schnell und vorausschauend drehte er sich aus der Fuchtellinie ihrer Mutter, drehte sich um die eigene Achse, kam dann hinter ihrer Mutter zum Stehen und nahm ihr den Dolch aus der Hand. Dann schubste er die Königin in die Arme eines anderen Kriegers, der hinter ihm ins Zimmer gekommen war.
»Halt sie fest«, befahl er, dann sah er sich im Zimmer um.
Seine dunklen Augen fixierten zunächst die beiden Zofen, die sich geistesgegenwärtig vor Xilaris aufbauten. Dann fokussierte er die Prinzessin. Diese seufzte, denn sie hatte ihr Zeitfenster zur Flucht – im wahrsten Sinne des Wortes – verpasst. Mit ein paar großen Schritten war der Krieger beim Bett, schwang sein Schwert und durchtrennte das Laken mit nur einem Hieb. Xilaris hörte noch, wie es im Wind des Morgens flatterte und dann mit einem dumpfen, aber sanften Geräusch auf dem Erdboden aufkam.
»Aus dem Weg«, blaffte er Dina und Dori an, die sich nicht rührten. »Ich sagte, weg da!« Aber auch seine zweite Warnung verleitete die beiden nicht, sich zu bewegen. Also hob er sein Schwert an.
»Nein!«, schrie Xilaris – und der Krieger hielt inne. »Lass sie am Leben, sie haben mir stets gut gedient!«
Dina weinte und Dori drehte sich mit Tränen in den Augen zu ihrer Prinzessin um.
»Prinzessin, nicht doch!«, flüsterte sie, aber Xilaris schob sich an ihren Zofen vorbei und blieb vor dem großen Krieger stehen.
Er war so groß, dass sie ihren Kopf in den Nacken legen musste. Mit ausgebreiteten Armen starrte sie ihn an.
»Tu es!«, fauchte sie.
Er sah sie lange an, seine Augen verengten sich leicht und ein kleines Lächeln umspielte seine Lippen.
»Tot habt Ihr keinen Wert für mich, Prinzessin«, sagte er und steckte sein Schwert in die Scheide. Dann packte er sie am Arm und zog sie mit sich.
Xilaris musste sich seiner Kraft beugen. Er war stark, allein sein Griff war unnachgiebig und kaum zu lockern. Sie schaute zu ihrer Mutter, die mit verzerrtem Gesicht bei dem anderen Krieger stand. Als sie die Blicke ihrer Tochter bemerkte, sandte sie erneut einen ihrer berühmten Blicke aus. Doch nicht nur auf Xilaris. Die Prinzessin folgte dem Blick ihrer Mutter und dachte nach.
Plötzlich schrie sie auf, ließ sich fallen und der Griff des Kriegers lockerte sich tatsächlich.
»Hoppla«, sagte er und klang überrascht. »Alles in-«
Im nächsten Augenblick wich er nach hinten aus, stieß dabei einen kleinen Tisch um; die Klinge des Dolches streifte sein Gesicht nur knapp unter dem Auge.
»Oryon!«, schrie sein Kamerad.
Der große Krieger, noch immer verwundert über den Angriff, presste sich die Hand auf die blutende Stelle und schaute erschrocken zu Xilaris – die sich brüllend auf ihn stürzte. Eine Prinzessin ohne Kampferfahrung hatte allerdings keine Chance gegen einen kampferprobten Mann wie ihn. Schneller als es ihr lieb war, landete Xilaris bäuchlings auf dem Boden. Sie suchte nach etwas, fand einen Kerzenhalter, der vom Tisch gefallen war, und holte aus.
Er parierte ihren Hieb, griff nach dem Kerzenhalter und holte mit der anderen Faust aus.
Xilaris wäre gerne so schnell und wendig gewesen wie dieser große Krieger. Vielleicht wäre sie dann seinem Schlag ausgewichen. Doch so sah sie nur dabei zu, wie die Faust auf sie zuraste. Sie traf, Xilaris spürte den Schmerz, dann wurde es schwarz vor ihren Augen.
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